„Meister“ Dieffenbach

„Meister Dieffenbach“ — der, nachdem er noch schnell einem unserer Mitarbeiter einen Preßprozeß angehängt hatte, seinerzeit plötzlich aus Wien verduftete, weil er von den Qualitäten der wider ihn aufgebotenen Zeugen Wind bekommen hatte, schien verschollen. Viele treue Anhänger und tiefbetrübte Geschäftsleute weinten ihm mach, aber man wußte nicht, wohin sich der „Märtyrer“ gewendet habe und man fand nicht Mittel noch Wege, seiner habhaft zu werden. Natürlich nur, um dem Saum seines Mantels zu küssen. Er war so rasch aus dem Himmelhof seiner Sorgenlosigkeit gestürzt worden, daß er unmöglich daran hatte denken können, seinen verschiedenen Lieferanten Abschiedsbesuche zu machen. Eine Anzahl seiner unsterblichen Meisterwerke allein, die er hinterlassen hatte, vermochte niemandem Trost zu bieten. Nun erhalten wir heute von einem Freunde unseres Blattes einen Brief, der nicht verfehlen wird, den von Dieffenbach bisher ohne Nachricht gebliebenen Opferm und Freunden des dornengekrönten Messias der Naturreligion unsagbare Freude zu bereiten. Der Meister lebt, ißt, trinkt und lehrt! „Es wird Sie vielleicht interessieren,“ schreibt unser freiwilliger Mitarbeiter, „daß wir hier in Ascona (Lago maggiore) auch einen interessanten Gast haben. Es ist Dieffenbach, von dem einigermaßen die Rede gewesen und den man in München den Kohlrabi-Apostel genannt haben soll. Ob er hier von Kohlrabi lebt, weiss ich nicht, aber sicherlich ist seine Kleidung bei der hier herrschenden Hitze praktischer als diejenige, die wir aus Antandsrücksichten für gut finden müssen. Hier ist man sehr liberal, besonders einem „Follo“ gegenüber. Allerdings schlagen Frauen die Augen nieder und selbst Männer werden etwas verlegen, denn mehr als ein Hemd haben die Männlein und Weiblein, welche der Maestro Dieffenbach hier um sich geschart, [n]icht an. Ich mag darum gerne glauben, daß die Gendarmen in Höllriegelsgreuth nicht so gütig geschmunzelt haben wie unsere Karabinieri, welche die Gesellschaft als „harmlose Narren“ betrachten. Aber man hat sich an die Schülerinnen des Meisters, die an Reizen recht viel zu wünschen übrig lassen, schon gewöhnt und nur die Forestieri wundern sich, wenn — was selten genug vorkommt — der Wind weht.“ Also, wer das dringende Bedürfnis haben sollte, zu den Füßen des Meisters zu sitzen, weiss nun, wohin er zu reisen hat. —

(Neuigkeits-)Welt-Blatt (Wien), 31. Jahrg., 24. August 1904, Nr. 193. Online