Menschengrösse

Ueber Attilas Grab – wo ist Attilas Grab? –
Wehen Winde – suchen das Grab.
Da sprach zum Winde der Wind:
“Wo ist Attilas Grab?” –
Aber der Wind antwortete nicht.
Weiter weht er – ohne Anteil. –
“Achtest Du, Alter? Von Attila sing’ ich,
Dem kühnsten König, dem mächtigsten Menschen,
Der sich im Sturm schwang über die Erde.
Ihm auch stimm’ ich mein Jugendstürmen,
Städte zertrat er. Throne zerstamnpfte er!
Bollwerke brannten vor seinem Bick!
Helden zerhieb sein Hauch,
Reiche zerriß sein Ruf,
Völker verfchlang er wie Flüsse das Meer.
Rauschend über Europa brauste,
Blitzend sauste die Gottesgeßel!
Also wuchs er über die Welt:
Eine Uebermenschengröße! –

Da ihm zu Füßen lagen die Fürsten,
Völker und Welt, gewann er das Weib –
Wahrlich, dem Großen das größte Wagnis!
Siehe, der Mann, in Jünglingsstärke,
Jünglingsturme steigt er ins Brautbett.
Da . . . dem Helden, Blutrache brütend,
Stößt Hildegunde den Stab ins Herz. –
Also unter des Weibes Kleinheit
Ward vergraben Menschengröße. –

Immer noch ist sie das Herz der Welt:
Die leuchtende Leiche umfeiern die Völker,
Vieltausend Helden geschorenen Hauptes,
Zerschlagener Leiber umleiden den Leib.
Es heulen die Heunen gleich stöhnenden Stürmen,
Die wilden Reiter umrasen das Zelt.
Es jauchzen die Sänger den Siegesjubel:
Stets währt der Ruhm doch dem mächtigen Menschen! –

In Tiefe der Nacht, in Todesstille
Versenkt wird der Rest in goldenen Sarg,
Der goldne gesenkt in silbernen Sarg,
Gesenkt das Silber in stählernen Sarg.
In Tiefen der Nacht fort tragen vom Volk
Zwölf Auserwählte den König der Welt.
In Tiefen der wacht, in Todesstille
Verfanken die Särge in Tiefen der Erde.
Die Auserwählten nur wußten: wo. –
Die Außerwählten wallen zurück,
Fallen schweigend vom weihenden Schwert. –
Wo wohnt der König der Welt?
Im Herzen des runden Erdenreich – wo?
Von seiner Größe blieb ihm dies Grab –
Ich suche das Grab diefer Menschengröße!” –

Also sang der Sausewind.
Der alte Wind antwortete nicht.
Weiter weht er – seines Weges. –
Und noch einmal braust auf der jungheiße Stürmer:
“Sprich mir! wo steht der stählerne Sarg?
Im Stahle wo starrt der silberne Sarg?
Wo glänzt im Grunde der goldene Sarg?
Wo währt in der Seele des goldenen Sargs
Der Menschengröße ewiger Rest?!”
So stürmte zum Winde der Wind. –

Und stille stand der alte Wind -:
„Ich weiß nicht – wovon Du sprichst.
Ich habe die weite Welt durchweht,
Im Wirbelsturm der Jahrhundertwenden
Die Erde tausendfach umgeschüttelt – -;
Wovon Du da redest – ich fand keinen Rest.
Nicht einmal wüßt’ ich – wo er gewesen. –
Wonach doch fragte mein flüsterndes Kind?
War’s nicht nach Silber? nach Gold? nach Glanz?
Oder – Du träumtest wohl gar von jener –
Menschenbestaunten – – Menschengröße?” –

Also sang zum Winde der Wind;
Und wehmütig weht er weiter.

Ueber Attilas Grab – Wo ist Attilas Grab? –
Wehen Winde – Finden kein Grab.

Otto Borngräber

Monatsschrift für das Deutsche Geisteslebeneistesleben, 6. Jahrg., Oktober 1903 – März 1904, S. 205-206.
Online: Menschengrösse.