Sonntag am Pfitscher Joch (Tirol)

Sonntagfrühe. –
Steinern starren
Eishäupter zum Himmel
in stummer Anbetung,
Kränze ewigen Schnees
würdigen mit Weihwasser
ihr heilig Haupt.
Gletscher gleiten zu Tal,
in Festagslaste,
in eisiger RuheF
Firnrinnen rieseln herab
über Riesengeröll,
raunen einander vom Weltenfeiertag.
In Andachtstille
hebt, senkt der Hochsee
die betende Lippe. –
Berstende Blöcke,
Brüder der Hölle!
Satansöhne!
lagern lässig
im Felsenbett.
Wildträchtige Wolken,
unbändige Hmmelstöchter!
in schäumendem Schweigen
buhlen um ihre Brust! –
Gigantische Größe!! – –
Königsadler
kreist darüber,
breitet die Schwingen
zum schweigenden Segen. –
Eine Götterruhe! –
Kein Menschlein –
kein Kirchenklang -:
die Götterwelt –
feiert Sonntag!

Otto Borngräber

Monatsschrift für das Deutsche Geistesleben, 7. Jahrg., April 1905 – September 1905, S. 905.
Online: Sonntag am Pfitscher Joch (Tirol).