Schwärmer

Kein Augenblick ist ängstlicher, als wenn der Zahnarzt mit einer scheußlichen Zange vor einem steht und sagt: Sie brauchen gar keine Angst zu haben. Dieser Zuspruch erzielt genau das Gegenteil dessen, was er bezweckt. Und wenn man die Einladungskarten zu einem Vortrag bekommt und darauf liest:
Mensch, willst du zu uns kommen.
So komme unbeklommen –
dann kriegt man bestimmt eine Beklemmung. Besonders, kenn man so feierlich als Mensch angeredet wird. Gewiß, man ist einer. Aber wer einem das besonders sagt, der hat unangenehme Absichten. Er geht darauf aus, uns an Herz und Nieren zu greifen, unser Inneres nach außen zu stülpen und unsere Seele mit dem Feuel [sic!] zu bearbeiten, auf daß wir blankgeputzt als neue Menschen von ihm gehn. Eine solche Prozedur kann sehr ungemütlich sein. Ich erinnere mich genau, wie ich einmal mit zwei Freunden auf die erste Bank einer Sektenversammlung geriet; der Prediger, ein Athlet mit Stiernacken und hervorquellenden Augen, brüllte dermaßen gegen uns an und paukte so enrrgisch aufs Pult, daß wir uns nicht fortwagten, obwohl er, wie der Hausknecht beim Stiefelwichsen, ziemlich verschwenderisch Speichel verwendete.

Derartige Massivitäten hat man von Gusto Gräser nicht zu befürchten. Wenn man ihn durch die Straßen Hamburgs wallen sieht, das ernste Antlitz von langen Locken und einem Christusbart umrahmt, ohne Hut; mit Tunika und flatterndem Mantel angetan und die Beine in einer trikotartigen Hülse, um die die Bänder der Sandalen gewickelt sind – dann macht er einen überaus appetitlichen und manierlichen Eindruck. Allerdings einen sehr fremdartigen. Man ist in Hamburg an vielerlei gewöhnt: Inder und Chinesen, Nigger und Malayen laufen aus unserem Pflaster herum, und die Völkerschauen schütten alljährlich eine Fülle exotischer Typen vor uns aus, vom Eskimo bis zum Hottentotten. Hamburgs Arm und Interesse langt in diee entlegensten Winkel der Welt. Und daß wir mit außergewöhnlichen Erscheinungen aller Rassen versorgt werden, dafür ist der Dom da. Aber zu dem Paradiese, in dem Gusto Gräser lebt, haben wir hier gar keine Beziehungen, weder im Handel noch im Geiste. Es fehlt Hamburg fast ganz an jenen Untergrundströmungen, die Berlin (aber keineswegs Berlin allein) aufweist; fehlt ganz an der Gemeinde buntzusammengewürfelter Eigenbrödler, die jeder sein Lebensrecht und seine Lebensform mit Fäusten und Zähnen verteidigen. Ob das ein Schade ist? Nun, wenn man sich derartige Leute einzeln genau anguckt, pflegen sie so gut wie nie besonders interessant zu sein. Aber die einfache Tatsache ihres Daseins mischt in die Zusammensetzung einer Großstadtbevölkerung doch einen besonderen Farbenton.

Daß Hamburg den nicht hat, merkte man beim Betreten des Rehbehnschen Saales, in dem Gusto Gräser eine lauschende Menge um sich zu versammeln hoffte. Ueber das Lokal war eine Prise von Menschen zerstreut, die beim Beginn des Vortrags, um sich ein bißchen an einander zu wärmen, zusammenrückten. An der Tür hütete Gräser Gattin, eine hübsche, frische Erscheinung mit fließendem Gewande und gelöstem Haar, die Kasse. Auf der Bühne aber trat, hinter einem Versatzstück. das einen Felsen bedeuten sollte, er selbst hervor. Er redete mit einer warmen, dunklen Stimme, gefaßt, aber doch innerer Erregung voll, vom hohen Genießen, oder auch vom tiefen Genießen. Er leugnete, daß Genüsse, die zur Qual führen, Genüsse sind. Genießen könne nur, wer mit sich im Einklang ist und in Gemeinschaft mit anderen, genießen könne man nur Dinge, die sich wirklich einverleiben lassen. Auch Kampf sei nötig, den die Leute scheuen, die zufrieden sind, wenn sie die Bemmen zwischen ihre Lippen klemmen. Reichlich mit Versen untermischt rann seine Rede, häufig stockend (was ihn zu einer hübschen Verteidigung des Stammelns, Stotterns und Stolperns veranlaßte) und klang aus in eine Aufforderung zu – ja, wozu eigentlich? So recht wollte er nicht heraus. Er sei kein Pillendreher und Rezepteschreiber. Sagen wir also, denn darauf kommt’s heraus: er forderte auf zu einem Leben, das der eigenen Entwicklung gewidmet ist.

Im Reden bot er das seltene Schauspiel eines vollkommen glücklichen Menschen, der froh ist, sich mitzuteilen. Freilich, auch dieses Glück ist Trübungen unterworfen. So z. B. kann Gräser es gar nicht vertragen, wenn jemand während seines Vortrags fortgeht. Das mögen diese Leute alle nicht, auch wenn sie noch so inbrünstig betonen, daß sie keine Jünger machen wollen. Im Grunde meinen sie, wenn sie sagen: „Jeder sei er selbst“ -doch immer „Jeder sei wie ich.“

Ob in der Versammlung ein Mensch war, der wie Gräser ist? Oder doch so ähnlich? Man muß mitunter in solche Konventikel gehen; es ist lohnend. Man sieht Leute, die man nicht kennt, die – so eingehend man sie anguckt – gar nichts auffallende« an sich haben. Sie könnten, scheint es, ebensogut im Zirkus sitzen oder in einem Vortrag über die beste Methode, Gänse zu nudeln. Aber da wüßte man genau, was sie wollen, warum sie gekommen sind. Hier – sitzen sie wie Rätsel. Sind es Neugierige, die eine Kuriosität suchen? Zeittotschläger, die ein verquerer Wind zufällig hier hereintrieb, statt in den gegenüberliegenden Saal, wo getanzt wird? Sind es stille, verbissene Fanatiker irgendeiner Idee, die da hoffen, plötzlich auch ihr Pfenniglicht anzünden zu können? Oder Menschen, unter deren unscheinbarer Hülle irgendeine Sehnsucht brennt? Man hat einfach keine Ahnung, keinen Begriff auch davon, Was irgendeiner mit hinausnimmt.

Und mitunter wird einem bange. Der Mann da oben behauptet fortwährend, die sogenannte nützliche Arbeit sei nichts wert, Mensch müsse man sein, sein inneres Wesen herausstellen müsse man. Wehe, wenn Tedje Möller oder Hinrich Kuhlenkamp damit anfangen und, statt Schuhe zu flicken oder Briefe zuzukleben, uns fortgesetzt‘ ihr holdes Innere offenbaren! Wehe, wenn August Piepenbrink mit Zungen redet, statt Koffer zu tragen, und gar – Schrecken aller Schrecken! – Hein Swattsnut zu dichten anfängt! Hein Swattsnut, dem ein weises und gerechtes Geschick die Funktion zuwies, nachts mit der großen Bürste die Rotenbaumchaussee langzufahrenl

Es ist nicht wahr, daß der innere Mensch allemal eine sehr erquickliche Erscheinung ist. Selbst Goethe wies die Zumutung Erkenne dich selbst! ab und lobte sich die fröhliche Maskerade des Lebens.
Erkenne dich! Was bab‘ ich denn zum Lohn?
Erkenn‘ ich mich, dann muß ich gleich davon.
Und Goethe hätte immerhin lohnendere und angenehmere Entdeckungen zu machen gehabt als mancher andere. Aber haben wir keine Angst! Gusto Gräser wird die Menschheit nicht dadurch in Schreck versetzen, daß nun auf einmal die Innerlichkeit zu grassieren anfängt. Weit eher wird er erreichen, daß ihm einer die Frisur oder das Kostüm, den Tonfall oder die Manier, Gedichte über Eck zu drucken, abguckt. Auch solche Nachfolgerschaft hat ihre Bedenken. So möchte ich z. B. die Beine Hannes Butts lieber nicht in anliegenden Trikots sehen, und Tim Puttfarken würde ich stets raten, sich die Haare dicht über der Wurzel schneiden zu lassen, damit die grüne Seife besser rankann. Aber immerhin: die Bedenken wiegen nicht schwer. Sie lassen sich tragen. Und kommt es wirklich dazu, daß die Aufmachung Gusto Gräsers in weiten Volkskreisen Mode wird, so werden wir uns rasch daran gewöhnen. Ein Pech wäre es nur für den Original-Gusto den alle feine Innerlichkeit, Begeisterung und Wärme nicht davor schützen würde, andauernd verwechselt zu werden.

H. F. V., Neue Hamburger Zeitung, 16. Jahrg., 1. Dezember 1911, Nr. 564. Onlin: Schwärmer.