Die strenge Heidelbeere

Daß auch das Restaurant eine „moralische Anstalt“ mit erzieherischen Tendenzen sein kann, zeigt ein vegetarisches Speisehaus, das ein Herr Straskraba in Aceona im Tessin unter dem Namen Heidelbeere betreibt. Aus den Speisekarten findet sich, wie man uns mitteilt, am Fuß folgende Bemerkung: „Mode-Affen, Juwelen-Pfauen, Kasten-, Titel-, Geld-, Ordens- und andere Protzen finden in der Hekdelbeere keine günstigen Daseinsbedinguiigen. Parfümierten Wiedehopfen, Nikotin- und Alkohol-Sklaven ist der Eintritt nur in desinfiziertem Zustande gestattet.“ – Ist das human von dem strengen Wirt zur Heidelbeere, die armen Nilotin- und Akovhol-Silaven ihr Ausschlußverbot erst auf der Speisekarte lesen zu lassen? Wenn ihnen ob der leckern Erbsenkoteletten und Bohnen-Rumpsteaks schon das Wasser im Munde zusammenläuft!

Neue Hamburger Zeitung, 17. Jahrg, 12. Oktober 1912, Nr. 480. Online: Die strenge Heiderlbeere.