Gusto Gräser, der Apostel der Natur, vor dem Schöffengericht

Aus Leipzig wird uns geschrieben: Hunderte von Neugierigen belagerten am Freitag mittag den Eingang zum Leipziger Schöffengerichtssaale, in dem gegen den Wanderredner Gustav Arthur Gräser aus Kronstadt (Siebenbürgen) wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt verhandelt werden sollte. Gräser, der mit Frau und vier Kindern phantastisch gekleidet in einer Art von Zigeunerwagen in der Welt umherzieht, war Anfang Jnul nach Leipzig gekommen, wo er auf den Straßen und Plätzen durch seine und seiner Familie Kostümierung – alle tragen lang wallendes Haar, Gräser selbst einen Patriarchenbart, ein mönchkuttenartiges Gewand, keine Strümpfe und dazu Sandale – allgemeines Aufsehen erregte, das sich bis zur Störung des Verkehrs steigerte. Gräser hatte von der Polizeibehörde deshalb den Sradrverweis erhallen, am 20. Juni sollte er Leipzig verlassen. An diesem Tage ist es dann aus dem Naschmarkte zu dem Auftritt gekommen, der der Anklage zugrunde liegt. Es wird ihm vorgeworfen, daß er durch Umhergehen und Umherstehen auf den Straßen und Plätzen, sowie durch seine anstößige und notdürftige Kieidung groben Unfug verübt und der Aufforderung der Sicherheitsorgane, sich zu entfernen, nicht Folge geleistet und sich gegen die gewaltsame Abführung durch Losreißen und Einstemmen gesträubt habe.

Vor dem Schöffengericht gab Gräser zu, daß er sich im allgemeinen so benommen hat, wie ihm zum Vorwurf gemacht wurde. Er habe den Beruf, dem Leben das Beste zu geben, was er in sich fühle; er wolle sich seinen Mitmenschen mitteilen draußen in der großen Oeffentlichkeit, nicht in geschlossenen Räumen. Das bedinge seine Lebensweise, auf kleinliche Vorschriften könne er dabei nicht achten.

Das Gericht sprach ihn von der Anklage, durch seine Kleidung groben Unfug verübt zu haben, frei, wegen Verstoßes gegen die Verkehrsordnung verururteilte es ihn zu 3 Mark und wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt zu 20 Mark Geldstrafe. Diese Strafen gelten als dureh die Untersuchungshaft (!) verbüßt. Mit einem lauten Heil! verließ Gräser den Gerichlssaal. Gegen seine Aus weisung hat Gräser Rekurs eingelegt.

Berliner Volks-Zeitung, 60. Jahrg., 30. Juni 1912, Nr. 303. S. 3. Online: Gusto Gräser, der Apostel der Natur, vor dem Schöffengericht.