Vortragsabend Gusto Gräser

Die verhältnismäßig zahlreiche Zuhörerschaft, welche sich am vergangenen Montag abend im Eintrachtsaal eingefunden hatte, um den Ausführungen des Heimatdichters Gräser über: „Das hohe Genießen – Rettung aus niedrigen Genüssen“ zu lauschen, bewies neuerdings, daß die Zahl derer auch heute noch nicht klein ist, die – unbefriedigt von der heutigen äußern Zivilisation – nach neuen, inneren Werten streben. Für diese Kreise mußte es von Interesse sein, eine Persönlichkeit wie Gräser kennen zu lernen, welche versucht, unbeirrt von andersartigen Zeitströmungen und unbekümmert um die Unmöglichkeit einer allgemeinen Durchführung dieser Lebensweise, ein individuelles, naturgemäßes Eigenleben zu führen. Das Rousseausche Naturevangelium ist es, dem Gräser lebt. Der Ruf „Zurück zur Natur!“ gab auch seinem, mit äußerst modulationsfähigem Organ zu Gehör gebrachten Vortrag die eigentümliche Signatur. „Nicht vorwärts, so ruft Gräser seinen Hörern zu, bringt uns der technische Fortschritt, sondern rückwärts. Je mehr Dampf und Elektrizität zur Anwendung kommt, um so rascher wird die Menschheit zurückgehen. Wir müssen suchen, zu uns selbst zu kommen. Statt vorgeblichen Genüssen nachzujagen, müssen wir nach echten Genüssen streben. Wir müssen unsere erkünstelte Kultur aufgeben und ein freies, eigenes Leben zu führen suchen. Ein Leben der Gemeinschaft – frei von Lüge – muß das Ziel sein, dem jedermann nach persönlichem Können zustreben muß.“ – An die überzeugend vorgebrachten Ausführungen schloß sich ein Gedankenaustausch an, der Gräser Gelegenheit gab, noch einige andere Punkte zu berühren.

Der Volksfreund (Karlsruhe), 32. Jahrg., 2. August 1912, Nr. 178, S. 5. Online: Vortragsabend Gusto Gräser.