Ascona

Im Schweizer Kanton Tessin scheint die rechte Luft zu wehen, in der Menschen von idealer Gesinnung und geistigem Wollen gedeihen. Hier, wo Locarno liegt, wo die italienisch sprechenden Schweizer zu Hause sind, schwarzlockige Menschcn mit kindlich-heiterem Gemüt, hier liegt am Parza, von dem an dieser Stelle kürzlich die Rede war; ein Werkhaus für bildende Künstler soll hier entstehen. Südlich von Locarno liegt aber auch das Dorf Ascona, das schon seit langem eine Zuflucht geistig und künstlerisch schaffender Menschen bildet. Walter Scott und Shelley, die beiden englischen Dichter sind in AScona gewesen, Nietzsche nannte es daS Paradies der Halbverrückten. Eine Zeitlang war, so erzählt Grote Wels in der „Kunst der Zeit“ das Asyl der Freiheitsschwärmer und -kämpfer, der Bakunin, Kropotkin, Trotzki und Mühsam. Es solgte die Periode der Kohlrabiapostel, Berufsvegetarier, die zum Teil organisiert den Monte Verità behausen. Künstler folgten: Jacolenski, Segall, Seewald und andere malten, Rilke, Lasker-Schüler. Klabund, Hermann Hesse, Iwan Goll, Emil Ludwig dichteten in Ascona, „Franziska Reventlow lebte hier den süßen, heftigen, schmerzhaften Roman ihres Lebens zu Ende.“ Martin Buber, René Schickele, Wolfskehl, Condcnhove-Kalergi, Stresemann, Annette Kolb, Briand, André Germain und Bernard Shaw gehörten zu Asconas Gästen. Charlotte Bara hat für ihre Tanzschule ein Theater bauen lassen; man wird hier die Pantominen uraufgeführt sehen, die Gabriele d’Annunzio für sie geschrieben hat. So ist die Luft Asconas mit Genialität geradezu geschwängert. Blauer Himmel, See und Berge bilden die herrliche Kulisse für diese Sammelstelle europäischen Geistes.

Bei Neumann-Nierendorf (Lützowstraß 32) veranstalten die Maler Asconas jetzt eine Ausstellung. Die Ausstellung bringt Bilder von Rohlfs, Schmidt-Rotthuff [sic!], Chagall, Feininger, Klee und Kandinsky, und man errät schon aus diesen Namen, wie es in Ascona zeitweise von Berühmtheiten wimmelu [sic!] muß. Die jüngeren Maler von Ascona wie Brill, McCouch, Helbig, Kohler ler sind sympathische Talente, besonders Kohler, der zwar viel von dem Franzosen (Rousseau, Léger) hat. in dessen Bildern aber man doch eine Selinsucht und eine Seele fühlte. Helbig betont in seinen großen Bldnissen die tragische Linie. McCouch steht in seinen meisten Arbeiten noch unter dem Eindruck der Malerei Feiningers. Farbige Wunder sind des alten Christian
Rohlfs Aquarelle.

E. C., in: Berliner Volkszeitung, 24. März 1928.