Die Wandlungen des Monte Verita

Die Wandlungen des Monte Verita

Wie das Schweizer Paradies der Spiritisten, Auarchisten und Besessenen im Laufe der Zett mondän wurde.

Es ist jetzt große Mode, von der Weilt gerade das zu entdecken, was der Baedeker entweder verschweigt oder aber seiner berühmten Sternchen nicht für würdig erachtet. Diese Mode aber hat mit Notwendigkeit eine andere bedingt, die Mode nämlich, Ueber-Baedeker erscheinen zu lassen, die enthalten, „was nicht im Baedeker“ steht, das heißt, was jene besonders reiselustigen, denen der Baedeker zu sachlich und allgemein gehalten ist, von der Welt zu sehen … [?]. In der Serise dieser Ueber-Baedeker ist nun ein neuer gelungener Band erschienen, den der Schweizer Schriftsteller Eduard Korrodi (unterstützt von Annemarie Schwarzenbach und Hans Rud. Schmid) eben unter dem Titel „Was nicht im Baedeker steht: Schweiz“ im Verlag R. Pipersr Ko. in München herausgibt. Eine amüsante Reise durch den Osten und den Süden der Schweiz vermittebt dieses Büchlein, leihrt Schweizerdütsch verstehen, Land und Leute kennen und noch vieles andere mehr.

Ein interessantes Kapitel macht auch mit den Wandlungen des Monte Verità in Ascona bekannt, diesem Zauberberg der seine spiritistische Vergangenheit inzwischen vergessen und sich in das nüchterne Zeitalter des Fremdenverkehrs eingelebt hat. Nach Ascona kommen die Neugierigen und erwarten, Männer
mit langen Bärten und Frauen in Büßerhemden anzutreffen, sie haben einmal etwas vom Monte Verità gehört, abenteuerliche Gerüchte, vielleicht den Namen jenes Belgiers Oedenkoven, der vor mehr als dreißig Jahren dem Berg seinen Namen gab und — Vegetarier, Naturmensch, Weltverbesserer — in rätselhafter und immerhin achtunggebietender Ausdauer Enttäuschungen, Lächerlichkeit und Ausartungen über sich ergehen ließ. Er gründete 1905 die Vegetabilische Gesellschaft des Monte Verità, was war einer der zahlreichen und ausnahmslos gescheiterten Versuche, der in verhängnisvollen Irrtümern lebenden Menschheit den Weg zum Heil, zur natürlichen Besserung zu weisen. Lenin, Klaibund, Mary Wigman, Emil Ludwig, Erich Mühsam und die Gräfin Reventlow haben den Berg besucht, dann kamen Spiritisten, Theosophen, Anarchisten, Schwindler, Besessene und gescheiterte Existenzen.

Das Paradies und Narrenhaus war nicht lebensfähig. Und Oedenkoven mußte — tragisches Schicksal — nach zwanzig Jahren sein Werk aufgeben und Ascona verlassen. Das Unternehmen schien einige Jahre gründlich zu Ende und der Vergessenheit anheim zu fallen. Aber Ascona war nun einmal entdeckt, das ließ sich nicht rückgängig machen, in irgendeiner Form mußte es wachsen und einen Stil bekommen: Das „Gesinnungsdorf“ Ascona, Maler, Künstler, Tänzer und freie Geister — die Boheme Europas sammelte sich hier. Nicht-mehr Naturmenschen, noch weniger Vegetarier und Abstinenten, vielmehr jene Gesellschaft aus den Kaffeehäusern der Großstadt von intellektuell-revolutionärer Gesinnungsart. Worpswede ist verwandter Boden, wenn auch gemäßigter, abgelegener, vielleicht exklusiver. Eine neue Epoche: jetzt war das Restaurant expressionistisch ausgemalt.

Erst der Freiherr von der Heydt hat den Monte Verità von allen Absonderlichkseiten geheilt. In Ascona wohnen unbekümmert immer noch Künstler, Philosophen und freie Geister. Frau Froebe hält in ihrem Haus Kurse für „Spiritual Research“ ab, Unternehmungen von durchaus ernsthaftem geistigem Rang, die auch der Besitzer des Monte Verità besucht. „Der Monte Verità, der solange reifen, irren, wachsen mußte, hat nun endlich seine Fehler, Erlebnisse, Launen und Exzesse überwunden und ist zur Vollkommenheit gelangt… Um auch den verwöhntesten Gästen das … [?] hat Baron von der Heydt einen neuen Bau nach den modernsten Grundsätzen errichten lassen.“ Man rollt zum Beispiel in lauen Sommernächten sein Bett eigenhändig und mühelos auf den Balkon hinaus. Inzwischen hat sich Emil Ludwig bei Ascona ein Haus gebaut, Edmund Stinnes besitzt ein großes Gelände, Herr Dr. Emden Meln die Inseln von Brissago, der frühere Boxer, Herr Antognini, Großgrundbesizer und Inhaber des Kasinos, machte aus diesem eine brvorzugte Vergnügungsstätte. Kurz, der Monte Verità wird mondän.

Neues Wiener Journal, 40. Jahrg., 14. Juli 1932, Nr. 13882, S. 6. Online