Sang an die Sonne

Unter meinen Tanzwerken gibt es eine ganze Anzahl von chorischen Spielen, die lange vor der Zeit der ersten Bewegungschöre entstanden sind. Ich denke da etwa an unsere Freilichtfestspiele auf der Tanzfarm. Davon steht wohl der dreiteilige Naturreigen „Sang an die Sonne“ dem chorischen Spiel am nächsten. Auf einer Bergwiese, die gegen Süden, Osten und Norden von großen Baumgruppen umsäumt war und gegen Westen an einen jähen Abhang grenzte, hatten wir aus Feldsteinen eine Feuerstelle errichtet. Die Zuschauer saßen auf drei Seiten an einer Baumgruppe. Auf der vierten Seite sah man tief unterm Abhang einen opalfarbenen See zwischen riesigen Bergen, die sich gegen Südwesten zu in blaue Hügelketten verloren. Auf diesem Schauplatz fand die einleitende Szene des Festspiels „Der Tanz der sinkenden Sonne“ statt. Nach einem feierlichen Reigen rings um die Feuerstelle kam ein Sprecher, von seinem Zug begleitet, den Abhang herauf. Der Augenblick, in dem sein Kopf über dem Rand der Wiese aufstieg, war so gewählt, daß hinter ihm der untere Rand der untergehenden Sonnenscheibe gerade den Horizont berührte. Dort sprach er die ersten Sätze seines Spruches an die sinkende Sonne. Weiter heraufgekommen und zu der Feuerstelle heranschreitend, wurde er von einem Begrüßungsreigen umringt. Dann sprach er den zweiten Spruch an die Sonne, die inzwischen schon halb versunken war. Bei dem Abschiedsreigen, zur Sonne hin, traten Frauen und Kinder aus den Reihen der Zuschauer an die Feuerstelle heran und fachten die Flamme an. Der steil aufsteigende dünne Rauch wurde durch immer wieder heranstürmende Gruppen in leichte Schwingungen gebracht. Den. Spruch an die Dämmerung begleitete ein feierlicher Schlußreigen der sich endlich zu einem Zug gestaltete, in dem die Zuschauer vom Spielplatz weggeführt wurden.

Kurz vor Mitternacht begann der zweite Teil, das Spiel „Dämonen der Nacht“. Eine Tänzerschar mit Trommeln, Tamtam und Flöten sammelte die Zuschauer, Fackeln und Laternen erhellten den Weg zu einem Berggipfel, oben schauten bizarre Felsen auf eine kreisrunde Wiese. Hier waren fünf hellodernde Feuer angezündet, um die herum und durch die hindurch eine Gruppe von Kobolden Springtänze ausführte.

Dann erschien eine Schar maskierter Tänzer. Die Masken waren große, den ganzen Körper verhüllende Gebilde aus Zweigen und Gräsern. Die verschiedenen gedrungenen und hochragenden, eckigen und spitzen Formgebilde verbargen heran schleichende Hexen und Unholde, die in wilden Tänzen die die Maskentänzer entschleierten und ihre Verhüllungen verbrannten. Um die erlöschende Glut der Feuerbrände wogte zum Abschluß ein Tanz der Schatten. Dann wurden die Fackeln der Zugbegleiter wieder angefacht, und die Tänzer führten als Vor- und Nachhut den langen Zug zum Ausgangsort zurück. Die aus aller Welt zu uns gekommenen Zuschauer waren dabei arg geplagte Leute. Nach diesem nächtlichen Spaziergang über Stock und Stein mußten sie um sechs Uhr früh schon wieder zur Stelle sein und sich am dritten Schauplatz, an einem Wiesenabhang im Osten des Festhügels, einfinden. Diesmal waren die Sitze am Abhang in Reihen übereinander angeordnet, unten am Rand des Abhangs ging die Sonne auf. Ihr galt der Morgentanz Eine Frauengruppe in weiten bunten Seidenmänteln stürmte den Abhang hinan. Am Horizont erschien die aufsteigende Sonnenscheibe und durchglühte die Gewänder der Tänzerinnen. Im Reigen des erwachenden Tages löste sich der dunkle Spuk zu freudig schwingenden, stets erneut anstürmenden Menschenwellen als Sinnbild der ewigen Wiederkehr des Tagesgestirns.

Aus Rudolf von Laban, Ein Leben für den Tanz, Dresden 1935, S. 195-197.