Maler Diefenbach

Maler Diefenbach macht in Wien gerade so von sich reden wie seinerzeit in München. Noch immer ist es sein gewaltiges Schicksal — andere Leute nennen es Schuldenmachen und machen davon nicht so viel Aufhebens —, das für ihn Reklame machen muß. Aber auch in Wien hat er eine kleine Gemeinde gefunden, die an ihn glaubt und — für ihn zahlt. Ueber die neueste Diefenbachiade wird der “Bohemia” aus Wien berichtet: Das war ein gar sonderbarer Anblick nächst dem Bezirksgerichtshause in Hiezing: Ein leichtes, schöngeschmücktes Wägelchen rollte heran, doch nicht von Thieren, nicht durch Dampf und nicht durch Elektrizität bewegt — vielmehr war es eine Schaar junger, sonderbar gekleideter Männer mit langem wallenden Haupthaar, die an den Wagen gespannt war und ihn einherzug, so, als wäre der einzige Insasse ein Triumphator. Vor dem Thor des Gerichtshofs machten sie Halt und der den Wagen verließ, das war — man hat es längst errathen — der Maler Karl Wilhelm Diefenbach in seiner bekannten Kleidung. Außer seinen Jüngern, die den Wagen gezogen hatten, waren noch drei andere Herren erschienen, die Repräsentanten der “Ehrenvereinigung zur Rettung K. W. Diefenbachs”, nämlich die Privaten Paul Ritter v. Spann und Konstantin Parthenis, sowie der Magnetopath Dr. Emil Bönisch. Sie betraten Alle den Verhandlungssaal II, und man erfährt nun die Ursache des Erscheinens. Sowohl Diefenbach als auch die drei Herren der “Ehrenvereinigung” sind vom Maler Anton Kurth auf Zahlung von 185 fl. 40 kr. gemeinsam geklagt. Aus der Klage geht hervor, daß Kurth für die am 20. März eröffnete Diefenbach-Ausstellung 70 Ornamente, sogenannte Mäander-Friese, zu liefern hatte, ferner auch ein schwarzes Kunstmarmorschild für das Gemälde “Humanitas”. Die Bestellung war schriftlich gemacht worden, und der Brief trug die Unterschriften der Geklagten. Da bisher keine Zahlung erfolgte, kam es zur Klage und Verhandlung. Diefenbach setzte dem Richter auseinander, daß seine Ausstellung totalen Schiffbruch litt, nicht einmal die Kosten der Tagesregie gingen ein! Seinen letzten Vermögensrest, an 100 fl., habe er der Ausstellung zum Opfer gebracht und da diese mißglückte, sei er in solche Noth gerathen, daß er sammt seiner Familie 10 Wochen hindurch ausschließlich nur von Aepfeln lebte. Dem Richter gelang schließlich ein Vergleich, nach dem sich Diefenbach und Dr. Bönisch verpflichteten, die Schuld ab 2. November in Raten zu 50 fl. abzutragen, vorausgesetzt, daß bei der am 1. Oktober zu eröffnenden neuen Ausflellung durch “bessere Einsicht des Publikums” ein besserer Erfolg eintreten werde.

Allgemeine Zeitung (München), 101. Jahrg., 26. September 1898, Nr. 267, S. 2 (Online).