Zur Diefenbach-Ausstellung

Von Dr. Josef Potuczek

Bei dem allgemeinen Interesse, das die Aus stellung von K. W. Diefenbach’s “Per aspera ad astra“ (früher genannt “Kindermusik”), welche Sonntags im hiesigen Curhausc beginnen soll, bei all den Verehrern des Meisters und der noch größeren Menge der Neugierigen erweckt, scheint es uns an der Zeit, aus dem in einem bayrischen Provinzblatt vor mehr als drei Jahren erschienenen Feuilleton einiges den kleinen Entwurf dieses jetzt vorhandenen Frieses “Per aspera ad astra”, recte “Kindermusik”, Behandelnde unseren Lesern zur Kenntnis zu bringen. Vorausschicken müssen wir jedoch Einiges, was die Person des Meisters betrifft: in der Kunst für jeden Eingeweihten und Uneingeweihten unanfechtbar, muß er um so mehr ob nebensächlicher Eigenheiten, z. B. Kleidung, Nahrung etc. erdulden, woraus wir nicht weiter eingehen, sondern mit dem einzigen Satze erwidern: “Jeder hat seine Eigenheiten, nur die Mensckenfurcht hält ihn zurück, sie zu zeigen; dieser Mann aber hatte den Muth, den Menschen zu zeigen, welchen Weg sie nach seiner Meinung wandeln müssen, um die paradiesische Glückseligkeit, die Unbefangenheit des unschuldigen Paares im Paradiese, die die Dichter so schön beschreiben, wiederzufinden, unbeirrt von dem falschen Schimmer der “Civilisation und Convenienz!”

Das genannte Provinzblatt handelt von der Aus stellung in Höllriegelsgereut (dem Steinbruch zwischen München und Wolfrathshausen, per Bahn von der königlichen Residenz ca. 1 Bahnstunde, von letzterem Orte ca. 40 Bahnminuten an der Isarthalbahn) und gibt von den Gemälden des Meisters und deren oft nur allzutrauriger Entstehungsgeschichte (was er alles mit seinem Sohne Helios, der ihm gewaltsam ent rissen war, und den anderen zwei ihm entrissenen Kindern erduldet) Aufschluß, um schließlich nach Besprechung zahlreicher anderer Bilder ungefähr mit folgendem auf das schöne Werk des “Narren”, wie ihn die philisterhaft-spießbürgerliche “große” Welt nennt, auf die “Kindermusik”, die übrigens jetzt in zwei Theilen voll endet dasteht, zu sprechen zu kommen:

“Unter diesen Landschaften zieht sich, der ganzen Wand entlang der kleine Entwurf zu dem 60 Meter großen Fries: “Kindermusik”. Dieses Werk, in welchem der “Narr” seine ganze Lebens- und Weltanschauung in entzückend schöner und heiterer Weise offenbart, hier zu beschreiben, ist mir nicht möglich. Dieser zur Vervielfälligung fertige erste Theil der “Kindermusik” bringt im Charakter eines Marsches einzelne Figuren, aus welchen sich der Gedanke des erwähnten großen Frieses entwickelt hat. Tiefe Wehmut ergriff mich, als ich in dem Gedanken an das fürchterliche Schicksal des “Narren”, dessen Herz blutete über die rohe Entreißung und Entfremdung seiner Kinder, die Kindergestalten betrachtete, welche der göttliche Genius des mißhandelten Mannes, seine Gedanken-Kinderwelt verkörpernd, in diesen Bildern schuf. Hinreißend und bezaubernd tanzen, springen und schweben [?], theils auf
leichten Halmen und Blumen, theils in freier Luft diese reinen Natur-Kinder, singend und musizirend, als ob in und mit ihnen die ganze Natur ertönte in himmlisch großartiger Harmonie des Weltalls.

Nicht geringere Wehmut ergriff mich, als ich die ersten Anfänge der “Kindermusik” sah, welche Diefenbach als 23jähriger junger Mann machte, während der Todeskrankheit seiner Mutter, der hoffnungslos Leidenden, Erquickung zu bereiten. Das Bild seiner Mutter, die er wie eine Heilige verehrt, hat er öfter gemalt, den Blick mit milder, tiefbewegter Seelenstimmung in die Augen des Beschauers gerichtet.”

Das Werk wird unseren Lesern, der ganzen Be völkerung Badens und der Umgebung, sowie den fremden Besuchern, die sicherlich zahlreich von Nah und Fern erscheinen werden, nun zur Besichtigung im großen Curhaus-Saale offen stehen und vielen den Einblick in den Gedankengang des Meisters gewähren, wozu der bei der Ausstellung voraussichtlich zum Verkaufe gelangende Commentar die Möglichkeit bieten soll.

Manche haben sich schon vergeblich bemüht, den Gedankengang des Werkes mit Worten wiederzugeben: niemand ist dies gelungen. Erst die den Badenern bekannte Märchendichterin Elise Degen schrieb, von der “Kindermusik” angeregt, ein gleichnamiges Märchen, welches dem Großen und Ganzen nach als Grundlage für den erläuternden Text zu dem Kunstwerk dienen konnte. Wir werden unseren Lesern gelegentlich noch Manches über Diefenbach’s Kunst und Wesen als Mensch in dieser Rubrik berichten.

Badener Bezirks-Blatt, 12. Jahrg., 22. Dezember 1892, Nr. 153, S. 1 (Online).