Das Ende der Naturkolonie am Langensee

Nach einem bewegten Leben von etwa einem Lustrum hat die Naturmenschen-Kolonie vom Langensee ihr Ende gefunden. Diese von Oedenkoven-Hoffmann begründete Kolonie bildete auf dem Berg „Wahrheit“ bei Ascona eine Gemeinschaft, deren Zweck naturgemäßes Leben war. Die Mitglieder verschmähten jede Art von Fleischspeise, nährten sich von Gemüsen und Kräutern, wohnten in offenen Hütten und schliefen, wenn es das Wetter erlaubte, im Freien auf der bloßen Erde. Ihre meiste Zeit verbrachten sie in adamitischer Kleidung beschaulich im warmen Sonnenbad, indem sie sich der schönen Gegend um den See und des blauen Himmels erfreuten. Die charakteristischen Gestalten der barfüßigen Brüder mit ihren langen Mähnen und in ihrem langen Büßerhemd waren in den Ortschaften am See und bis nach Mailand hinunter wohl bekannt. Aber so idyllisch das Dasein der Naturapostel dem Fernstehende» erschien, so heftig waren die Kämpfe in der engen Gemeinde. Die kurze Geschichte der Naturkolonie verzeichnet eine ganze Reihe von Schismen, u. a. trat auch der „Apostel Meva“ auf, um sein eigenes Evangelium zu verkünden. Das Ende der Kolonie ist ebenfalls durch innere Zwistigkeiten herbeigeführt worden: Ein Sektierer nach dem anderen war ausgezogen, so daß die Kolonie an innerer Erschöpfung zu sterben drohte. Nun veröffentlicht Herr Oedenkoven-Hoffmann in einer Zeitung von Locarno eine offizielle Mitteilung über das Ende der Freiheitskolonie. Er stellt fest, daß die Menschen von heute zu verdorben seien, um zur Urnatur zurückgeführt zu werden. Er will deshalb entweder sein Unternehmen auf eine andere Grundlage stellen und auch Weltkinder in sein Naturheiligtum aufnehmen, oder sein ganzes Anwesen verkaufen, wenn ihm ein zusagendes Gebot gemacht wird.

Rigasche Rundschau, 43. Jahrg., 18. August 1909, Nr. 188, S. 10. Online: Das Ende der Naturkolonie am Langensee