Die Vegetarier-Ansiedelung in Ascona (2. Fortsetzung)

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Wir kommen jetzt zum Gusti, dem Poeten und Künstler der Externen. Er ist etwa Mitte der Zwanziger, aus Siebenbürgen. Er hat eine Abneigung gegen das Wohnen in Häusern und gegen den Gebrauch von Geld. Eine Zeit lang hat er in jenen kleinen Gebetsnischen und Kapellen von etwa einem Quadratmeter Bodenfläche übernachtet, die dort, in katholischer Gegend, häufig sind. Später hat er sich eine ständige Wohnung zugelegt. Zu ihr gelangte er auf folgendem Wege. Die Bewohner eines sehr armen und sehr kleinen Dorfes in der Nähe von Ascona mochten sich wohl auch vegetarische Ansiedler wünschen. Vielleicht in der Erwartung, dass Einer den Andern nachzieht, wie es in Ascona war, ging die Gemeinde auf den Vorschlag ein, den ihr der Gusti machte. (Die Leute dort haben ihn auch sehr gerne.) Sie traten ihm ein Stück des Gemeinde

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bodens als bleibende Wohn- und Pflanzstelle ab und ein Dokument stipulirte die Bedingungen. Gusti wollte keine Schenkung. Er ist gegen Privatlandbesitz. Auf seinem Lande haust er in einer malerischen Felsenspalte. Ich liebe das Herbe, sagte er mir am Wege zu seinem Heim. Dort erblickte ich ausser einigen Decken auf dem Boden nichts einer menschlichen Spur ähnliches als einen kleinen Trog aus vier flachen Steinen gebildet, in der Grösse etwa eines Cigarrenkistchens. Er enthielt Obstkerne. Er hebt die bei seinen Obstmahlzeiten verbleibenden auf und verwendet sie bei Gelegenheit seiner Spaziergänge in der Umgebung: er streut sie aus am Wege und rechnet auf den Genuss und Vortheil, den die aus den Kernen wachsenden Obstbäume dem durstigen Wanderer am Wege bieten werden.

Er ist gelernter Kunstschlosser und ein sehr talentirter Mann mit vielen originellen künstlerischen Ideen und Fertigkeiten. Das Stirnband, dessen Erfinder und erster Benutzer er ist, ist bei ihm von Leder und hat einen kronen- oder diademartigen Zuschnitt. Ein grüner oder brauner Mantel aus einem viereckigen Stück Tuch mit einem Loch in der Mitte für den Kopf, geben ihm ein durchaus echtes und distinguirtes Aussehen.

Als ich ihn vor Jahren zum erstenmal, — 19 Jahrealt, aber älter aussehend, in Zürich sah, und nach dem Zweck der Lederkrone frug und von den kurzen Hosen sprach, sagte er: Das ist keine Krone, sondern ein Riemen zum Zusammenhalten meiner

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langen Haare. Ich gab dem Ding nur eine zierliche Form und was die Hosen betrifft, so gesteh ich Ihnen offe n , dass mir die Elefantenbein-Facon bei
unserer Männerkleidung wenig gefällt.

Er anerbot sich auf m eine Bitte, mir das Wesentliche seiner Weltanschauung schriftlich auszuarbeiten. Vielleicht nich t Alles, aber vieles davon würde auch ich gutheissen. Er brachte mir den Text: „Baue neben das Böse das Edle und Gute.“ Alles Uebrige folgere sich hieraus, setzte er mündlich hinzu.

Die Sandalen, seiner Erfindung und Mache , sind
aus Seil geflochten. O der er trägt H olzschuhe von
sehr zierlicher Form , die er, genau seinem Fusse angepasst,
aushöhlt, m it einer kokett nach oben gerichteten
S p itze , die beste Sohlenform genau nach
Versuchen festgesetzt. E r ist auch der Verfasser
eines Projectes zu einem grossartigen elliptischen
B a u , einem W a h rh e itste m p e l, der aber aufgegeben
wurde. E r arbeitet sehr geschickt in E is e n , H o lz,
Leder, Seilwerk etc., und hat (in seinem 18. bis 20.
Jahre) interessante B ild e r in Oel gem alt, die in der
C om position einfach und gross gedacht sind. D a
w irk t er m it grossen Massen, unter V erm eidung alles
K le in lich e n und Conventionellen und aller Lückenbüsser.
E r w ill Stimmungen und Ideen wiedergeben.
V ie l Allegorie. D ie Landschaft bevölkert er m it n u r
wenigen Menschen oder T h ie re n im M ittelgrund.
Das M eiste ist ernst, ru h ig , abgewogen und m it
wenig Bewegung, in einfachen L in ie n . (L e id e r sind
die Sachen w eit verstreut).

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