Die Vergangenheit des Prinzenhotels Monte Verita

Schweizer und italienische Zeitungen brachten in letzter Zeit oft Nachrichten, daß die Hohenzollern Landantäufe in der Gegend von Ascona und Arcegno machen. Besonders Aufsehen erregte es, daß der Beauftragte Baron von der Heydt auch das berühmte Sanatorium Monte Verità kaufte, wo augenblicklich schon Prinz August von Preußen weilt und wo auch in einigen Tagen sein Bruder Prinz Eitel Friedrich von Preußen ankommen soll. Nach Nachrichten soll auch Wilhelm II. die Absicht haben, den Winter in Monte Verita zu verbringen.

Diese Nachrichten erwecken in jedem, der diesen Ort kennt, drollige Erinnerungen. Monte Verità hat eine merkwürdige Vergangenheit. Dieses Sanatorium wurde vor ungefähr 25 Jahren von Spiritisten und Thesophen gegründet. Der Gründer, ein holländischer Millionär Oedenkoven wollte dorten ein Heim für absonderliche Menschen schaffen und sammelte um sich Anarchisten, Spiritisten, Theosophen und Vegetarier. Eine seltsame Gesellschaft fand sich ein. Raphael Friedeberg, ein gewesener deutscher Reichtagsabgeordneter, der mit dem Anarchismus in Beziehung kam und einen Kampf gegen den Parlamentarismus jahrelang führte und sein Mandat niederlegte. Der bekannte österreichische theosophische Maler kam von Capri nach Monte Verita und hielt dort Vorträge über die esoterische Malerei. Als der österreichische Erzherzog Leopold sich mit der Tänzerin Wilma Adamowitsch verheiratete, dann schlug er sein Heim in dem sonderbaren Sanatorium auf. Erich Mühsam hat in Monte Verita nicht nur seine vegetarische Hymne gedichtet, sondern die bekannte Heirat zwischen der Gräfin Reventlow vermittelt, über die dann die Schriftstellerin ihren Roman „Geldkomplex“ schrieb. Monte Verita wurde auch einmal von der Polizei geschlossen, weil dort nicht nur Spiritismus und Anarchismus getrieben wurde, sondern eines Tages tauchte ein berühmter Hungerkünstler auf, der behauptete, daß man für das heilige und reine Leben in diesem Sanatorium nur dann eine Berechtigung hat, wenn man vorher eine Hungerkur durchmacht und auch auf diesen Unsinn fielen einige Herrschaften herein, eine Dame ist dabei vor Hunger gestorben und einige sind schwer erkrankt, sodaß die sonst loyale Polizei eingreifen mußte und Monte Verita auf einige Zeit schloß. Einige Jahre war es still im Sanatorium bis es dann 1913 dadurch bekannt wurde, daß der Anarchist Fürst Peter Kropotkin in Mte. Verita hauste u. von dort aus aus dem Kanton Tessin ausgewiesen wurde. Während dem Kriege wohnten in diesem Sanatorium die Defaitisten aus allen Ländern und machten von dort aus ihre kriegsgenerische Propaganda.

Emil Szittya, Alpenzeitung, 2. Jahrg., 9. Januar 1927, Nr. 6, S. 8. Online: Die Vergangenheit des Prinzenhotels Monte Verita.