Monte Verità. Wahrheit ohne Dichtung (2. Fortsetzung)

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älteren in seiner apodiktischen Weise, welche seine soldatische Vergangenheit nur verstärkt hatte, meine Schwester Jenny, vorübergehend auch Lotte Hattemer stark zu beeinflussen. Es bedurfte nicht nur einiger heftiger Auftritte bis wir uns Gustav Gräser’s wieder und diesmal endgültig entledigt hatten; es machte sich auch eine Spaltung in den Zielen der fünf Teilnehmer geltend, insbesondere zwischen uns und Karl, der durch sein eben erwähntes Vorgehen, sowie durch seinen versteckten aber starren Widerstand gegenüber unseren gemeinschaftlichen ursprüngllchen Bestimmungen, Henri’s und mein Vertrauen eingebüßt hatte. Von den krankhaften Ansichten seines Bruders angesteckt, kehrten diese im weitern Verlauf der Ereignisse immer stärker hervor und gipfelten in gesuchter Absonderlichkeit, Rücksichtslosigkeit in der Wahrung fremden Eigentum’s, in dem Bestreben, alle klingenden Güter, auch die unsrigen, von sich zu werfen, communistischen Allgemeinbesitz einzuführen und den ganzen Aufbau cultureller Wohltaten für ein, jedoch nur im Prinzip, bedürfnisloses Leben einzutauschen. In all‘ diesem stiess er bei Henri und mir, die wir meist beteiligt und in voller Ueberzeugung an dem Grundplan des Unternehmens festhielten, auf unbeugsamen Widerstand. Es galt das Grundstück einteilen, Ankäufe besorgen, Anpflanzungen von Obst und Gemüse vornehmen, Lufthütten bauen und endlich den Kurpreis für Gäste bestimmen. Fiel das Wort Naturheilanstalt, so folgte seitens Karl gewöhnlich die lakonische, jede Deutung zulassende Bemerkung: „es wird ja werden, was es wird.“ Er sah stets nur kolonistisches Leben von uns 5 Personen, denen sich noch Andere in der

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