Monte Verità. Wahrheit ohne Dichtung

Monte Verità

Wahrheit ohne Dichtung

Aus dem Leben erzählt von Ida Hofmann-Oedenkoven

Lorch (Württemberg)
Druck und Verlag von Karl Rohm
1906

Aus dem Leben einiger Menschen will ich erzählen, welche innerhalb der heute allgemeinen, auf Egoismus und Luxus, auf Schein und Lüge gebauten Verhältnisse aufgewachsen, und teils durch Krankheit körperlicher, teils durch Krankheit gemütlicher Art zur Erkenntnis gelangt, Umkehr machten, um ihrem Leben eine natürlichere und gesündere Wendung zu geben. Wahrheit und Freiheit in Denken und Handeln sollten künftig als teuerster Leitstern ihr Streben begleiten.

Innerhalb der bestehenden, gesellschaftlichen* Organisationen, welche jede individuelle Regung im Menschen ersticken und dessen Kraft und natürliche Anlagen in den Dienst der Machtbesitzenden zwingen, ist eine freie Entwicklung nach Befreiung strebender Menschen undenkbar. Auf neuem Boden, auf hiezu neu zu erwerbendem Grunde sollte daher das Unternehmen entstehen, dessen Gründung Henri Oedenkoven sich mit allen, ihm zu Gebote stehenden Mitteln schon seit mehreren Jahren als Ziel gesteckt hatte.

H. Oedenkoven, von belgischer Abstammung steht im 25. Lebensjahr; als Sohn eines reichen Gross-industriellen in den Strudel all‘ jener, dem Kapitalisten zugänglichen und ihm als unerlässlich notwendig erscheinenden Gewohnheiten des Wohllebens mitgerissen, jedoch mit selten scharfer Beobachtungsgabe und idealem Sinn ausgestattet, unterschied er bald alle scheinbaren Freuden großstädtischer und allgemeiner Ueberkultur von den wirklichen Leiden, welche dieselbe in allen Klassen der menschlichen Gesellschaft erzeugt. Krankheit bis zum Grabesrande führte ihn auf den Läuterungsweg des Vegetarismus; die Darvin’sche Lehre auf den Frugivorismus und so schien Natur, die nimmer ruhende, welche üppigste Blumen aus Sumpf und Schlamm gedeihen lässt, welche ewig neu gebärend, dem Bösen stets neue Wege zum Guten weist, auch hier auf faulem Boden, den Keim zu neuem Leben gelegt zu haben.

Im Sommer 1899, gelegentlich eines gemeinsamen Aufenthaltes in der Naturheilanstalt Rikli in Veldes gewann mich Henri Oedenkoven für das in grossen Zügen geschilderte Zukunftsuntemehmen. Wahrhafte Freundschaft verband uns, gleichsam als Vermächtnis meines geliebten Vaters, fast gleichzeitig mit dessen Hinscheiden im Herbst 1899. Meine vorläufige Tätigkeit führte mich nach Cettinje (im Fürstentum Montenegro) zurück, wo ich mich nach abgelaufenem ersten Jahr für die Wiederaufnahme des Musikunterrichtes an einem russischen Institut verpflichtet hatte. Ein höchst anregender Briefwechsel entspann sich zwischen mir und Henri, welcher den Winter in Rom, das folgende Frühjahr in Paris verbrachte und unter lehrreicher Beobachtung dieser beiden Weltcentren, sowie aller monumentalen Veranstaltungen der Zeit, als die Feierlichkeiten des Anno santo und der Weltausstellung, seine Pläne stets überzeugter reifen liess. Reich und mannigfaltig, Friede, Wahrheit und Liebe für das Leben der Einzelnen und Aller verheissend, entströmten die Gedanken aus Henris gewandter Feder und begeisterten mich; denn Jahre schwersten Kummers und dumpfer Resignation hatten mein Leben verdüstert und ich stand wie so viele meines Geschlechts unter dem traurigen und unnatürlichen Drucke der Versorgungsfrage, wenngleich nicht für das Morgen so doch für das spätere Alter. In Folge so vieler unnatürlicher, ungesunder Verhältnisse ist ja das Mädchen heute gewaltsam seinem Beruf entfremdet und hat es, aus welchem Grunde immer versäumt die nach herkömmlichen Anschauungen, dem Manne zukommende Versorgungspflicht für das uns entwürdigende, bedingungslose Besitzrecht von Seiten des Mannes einzutauschen, so begibt es sich in den furchtbaren Kampf um das Existenzrecht, in jene Gefahr bringende Konkurrenz mit jener Männermasse, welche sich im angestammten Rechte glaubend, die zu seinen Gunsten unselbständig erhaltene Frauenwelt egoistisch zu unterdrücken strebt. Wie relativ günstig auch die mich in Cettinje umgebenden Verhältnisse waren, ich lechzte unbewusst nach Freiheit.

Dort gerade, auf einer der Heranbildung der Jugend gewidmeten Stätte und an Hand persönlicher Erfahrungen wurde auch mir klar, welch‘ gründliche Umwälzung der Erziehungsmethode an der Jugend geübt werden muss, damit sie die Freiheit des Individuums, Berücksichtigung seiner individuellen Fähigkeiten, seiner Mängel sowie der es umgebenden Verhältnisse anerkennen und die hiedurch errungenen Wohltaten auf künftige Geschlechter überliefern lerne. Um jedoch der Jugend ein Beispiel zu geben, müssen wir bei uns selbst beginnen. Unser heute durch Einflüsse und Machtgebote aller Art so kläglich gehemmtes Wünschen, Wollen und Können muss frei zum Ausdruck gebracht werden und liegt hierin doch die ganze mögliche Summe individueller Befriedigung, so ist die Folge grösserer Eintracht und Liebe unter den Menschen auch unausbleiblich. An die Natur müssen wir uns halten, uns in den Schutz ihrer alles frei gewährenden Gesetze stellen, durch sie gesunden, von ihr lernen, die jedem Lebewesen freie Entwicklung lässt. Ihre Gesetze sind so weise, so milde, so selbstverständlich, dass sie uns nicht drücken dürfen. Erkennt man sie richtig, so giebt es nichts Einseitiges, sondern nur den regelrechten Ausgleich von gut und böse als Wirkung der Ursache. Und wie in diesem ewigen Entwicklungsgange sich heute eine Zeit unheilvollen Niederganges des körperlichen und geistigen Wohlseins unter uns Menschen bemerkbar macht, da bietet Natur uns Heilung — Heilung und Wiedergeburt dem, der sich ihr anvertraut.

Henri’s Gedanke ist, mit Zuhilfenahme von Kapitalien als augenblicklich grösstem Machtmittel, dem Kapitalismus mit allen seinen sozialen Folgeübeln entgegen zu treten. Späteren Geschlechtern ist es vorbehalten, denselben gleichzeitig mit Steigerung der allgemeinen Sittlichkeit ganz zu bekämpfen. Henri’s vorläufiges Unternehmen gipfelt in Gründung einer Naturheilanstalt für solche Menschen, welche in Befolgung einfacher und natürlicher Lebensweise entweder vorübergehend Erholung, oder durch dauernden Aufenthalt Genesung finden und sich in Wort und Tat seinen Ideen, seinem Wirken anschliessen wollen. Hieraus erwächst auf Grund der Einnahmen und Anschluss Gleichgesinnter mit eventuell finanzieller Beteiligung, eine oder mehrere Ansiedlungen mit allgemeinem Bodenbesitz jedoch gesondertem persönlichen Eigentumsrecht, welches durch das individuelle Bedürfnis danach und durch die möglichst selbstständige Herstellung der Lebensmittel und Gebrauchsartikel jedes Einzelnen begründet ist. Späterhin folgen die Anlagen von Mühlen, Webereien, Fabriken aller Art auf hygienischer Grundlage zur Betätigung der individuellen Fähigkeiten und Wünsche, nicht jedoch zur blossen Kapitalsanhäufung oder zur Entfaltung von Luxus — endlich Schulen zur Heranbildung persönlicher Anlagen. Häuslichen und körperlichen Bedürfnissen soll mit Meidung jedes Luxus in dem Masse Rechnung getragen werden, als jeder Einzelne sich den ihm wünschenswerten Comfort durch eigener Hände Arbeit schaffen mag. Die Ausbeutung des Unbemittelten von Seiten des Bemittelten zur Befriedigung seiner übertriebenen, ungesunden und luxuriösen Ansprüche fällt hierdurch von selbst weg.

Leicht gewann mich Henri für die meinem Wesen so ausserordentlich entsprechende ideelle Seite seines Unternehmens. Praktische Bedenken waren bald bekämpft und wir schritten an die Gewinnung weiterer Teilnehmer. Im Oktober 1900 versammelten sich zu München in der Wohnung meiner Familie Menschen verschiedenster äusserer und innerer Gestaltung; doch beseelte mehr oder weniger fast Alle ein gleiches Verlangen nach Verlassen der veralteten gesellschaftlichen Ordnung, besser Unordnung, zum Zwecke persönlicheren Lebens und persönlicherer Lebensführung — nach Freiheit.

Karl Gräser, Oberlieutenant der österreichischen Armee, mit dem wir seit Veldes befreundet waren, wünschte eine Möglichkeit, den ihm moralisch verleideten Soldatenstand und den damit verbundenen Zwang aufzugeben. Es begleitete ihn sein Bruder Gustav, eine ganz absonderliche Erscheinung, dessen Grundsätze denjenigen heute vorgeschrittener Menschen so fremd gegenüber stehen, dass sich die Wenigsten mit ihnen befreunden können. Spätere Ereignisse veranlassen mich noch, sein Wesen eingehend zu besprechen; im vorliegenden Falle ergab sich aus der um unsern Beratungstisch gepflogenen Diskussion bald, dass Gustav Gräser nicht geeignet sei, sich uns anzuschliessen.

Lotte Hattemer, eine Berlinerin, tauschte unerquickliche Familienverhältnisse, welche sie zum Teil krank gemacht hatten, gerne für die geplanten Lebensbedingungen ein. — Meine Schwester Jenny, eine äusserst praktische Natur, stand der ideellen Seite des Unternehmens am skeptischsten gegenüber. Das Aufgeben ungesunder Stadtverhältnisse, der Sorgen um das Fortkommen durch Stundengeben, kurz Aussicht auf die aus dem Unternehmen erwachsenden finanziellen Vorteile und der Drang nach Verwertung eben erwähnter praktischer Anlagen lockten sie, uns zu folgen. Ein sechster, Ferdinand Brune, Gutsbesitzer aus Graz, war als Lotte Hattemer’s Freund von ihr der Diskussion zu-gezogen; auch er wünschte seine bisherige Lebensweise zu ändern, seine vornehmlich theosophische Richtung, der die Uebrigen fremd gegenüberstanden und sein bei Anbeginn ausgesprochener Wandertrieb machten vorläufig eine Einigung unmöglich. Lebhafte Erörterung über praktische und moralische Befähigung jedes Einzelnen, sich selbst und den Mitarbeitern gegenüber, über Utopie und Möglichkeit des Experiments nach Henri’s Plan führten schliesslich zu dem Beschluss, dass das bewegliche Vermögen jedes Einzelnen von uns zur Gründung einer Naturheilanstalt in dem vorgeschriebenen Rahmen beigesteuert würde. Der zu erwartende Gewinn soll zu einem, später näher zu bestimmenden Hauptteil wieder zu Gunsten des Unternehmens verwendet, der Rest soll zu gleichen Teilen unter die Mitarbeiter verteilt werden. Jedem Mitglied steht es frei, aus der Mitglledschaft auszutreten, wenn ihm dieselbe nicht mehr oder eine andere Lebensweise ihm besser zusagt. In diesem Falle erhält er das seinerzeit eingezahlte Kapital sobald zurück, als es flüssig ist. Als Ort der Gründung wurde das Ufer eines oberitalienischen See’s in Aussicht genommen und unverzüglich die Wanderung dahin zu Fuss unternommen. An dieser nahmen Oedenkoven, Hattemer und Karl Gräser teil; des Letzteren Bruder schloss sich unaufgefordert an. Auf dem Wege über Ober-Ammergau wo wir Alle uns gelegentlich der Passionsspiele nochmals in fröhlicher Runde wiedertrafen, ging’s dann über das Stilfser Joch nach dem Comosee. Ich kehrte nach München zurück um Ende Oktober nach Cadenabbia, an demselben See, nachzufolgen. Hier bot sich die herrlich gelegene Halbinsel Lenno unseren vorläufigen und künftigen Zwecken als sehr geeignet dar. Von unserer kleinen Trattoria aus, in welcher wir Wohnung genommen, wurden Streiftouren in die Umgegend unternommen; wir hörten uns um und prüften die verkäuflichen Grundstücke und die darauf befindlichen Baulichkeiten auf Wert und Verwendbarkeit. Ueber das herrliche Klima, das Märchenhafte der Gegend brauche ich nichts zu

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sagen; die Meisten kennen ihren Zauber durch Anschauung oder von Hörensagen.

Unsere einfache und luftige Kleidung, unsere Hutlosigkeit, unsere entweder blossen oder nur mit Sandalen bekleideten Füsse erregten allenthalben grosses Aufsehen. An wie geringen Aeusserlichkeiten das Vorurteil der Menschen haftet, wie sehr die günstige oder ungünstige Aufnahme und Schätzung eines Individuums davon abhängig gemacht wird, das haben uns unsere Streifzüge genügend bewiesen — jedoch gewinnt ein freimütiges Auftreten gar bald die innerlich gute Natur derjenigen Menschen, deren Grundwesen nicht durch Zwang und Schein ganz erstickt ist. — Man ging uns überall hilfreich an die Hand. In Cadenabbia wurde Lotte vom Erbprinzen von Sachsen-Meiningen angesprochen und auf ein günstiges Terrain aufmerksam gemacht Der eigene Wunsch nach freier Aeusserung der Eigenart drängt die Menschen offenbar sympathisirend zu uns hin, in welchen sie gleiches Streben ahnen.

Um uns ja kein geeignetes Stück Land entgehen zu lassen, wurde beschlossen, noch eine kleine Wanderung zu unternehmen, bevor die Entscheidung mit Lenno fiele. Karl Gräser, begleitet von seinem sich stets aufdrängenden Bruder, suchte den südlichen Teil des Comosee und die Mailänder Umgebung ab. Henri blieb behufs eventuellen Kaufabschlusses in Cadenabbia zurück. Lotte und ich zogen in der Richtung des Lugano und Maggiore-See ab. Bei klatschendem Regen, bepackt mit unseren Rucksäcken, begannen wir unsere abenteuerliche Wanderung. In Madonna del Piano, einem kleinen Dörfchen, unweit der bekannten Dampfschiff-Station Porlezza gelang es uns bei stockdunkler

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