Das erzieherische Speisehaus

Grazer Tagblatt, 24. Oktober 1912.

Daß auch das Restaurant eine „moralische Anstalt“ mit erzieherischen Tendenzen sein kann, zeigt ein vegetarisches Speisehaus, das ein Herr Straskraba in Ascona im Tessin unter dem Namen Heidelbeere betreibt. Auf den Speisekarten findet sich, wie man uns mitteilt, am Fuß folgende Bemerkung: „Mode-Affen, Juwelen-Pfauen, Kasten-, Titel-, Geld-, Ordens- und andere Protzen finden in der Hekdelbeere keine günstigen Daseinsbedingungen. Parfümierten Wiedehöpfen, Nikotin- und Alkohol-Sklaven ist der Eintritt nur in desinfiziertem Zustande gestattet.“ – Ist das human von dem strengen Wirt zur Heidelbeere, die armen Nikotin- und Akohol-Sklaven ihr Ausschlußverbot erst auf der Speisekarte lesen zu lassen? Wenn ihnen ob der leckeren Erbsenkoteletten und Bohnen-Rumpsteaks schon das Wasser im Munde zusammenläuft?

Grazer Tagblatt, 22. Jahrg., 24. Oktober 1912, Nr. 294, S. 4. Online

Vgl. Die strenge Heidelbeere.

Digitalisat: Österreichische Nationalbibliothek, ANNO.