Ein Mäßigkeitsapostel

Aus Weimar schreibt man den „Münchener N. N.“: „gustaf nagel“, wie er sich nennt, der schon in weiteren Kreisen bekannte Mäßigkeitsapostel und Naturarzt, bereist jetzt die Thüringer Städte, um Propaganda für seine Ideen zu machen. Er reist zu Fuß, in noch leichterem Costüm wie weiland Diefenbach, barhäuptig und barfuß mit nacktem Oberkörper, den er nur bei ganz kaltem Wetter mit einem Mantel umhüllt; als einziges Handgepäck trägt er eine Fahne mit der Inschrift „ich komme zu euch in friden, gustaf nagel“. In seinen Vorträgen erzählt er seinen Lebenslauf, wie ihn die instinktiv gewählte vegetarische Kost und die vollständige Abhärtnug seines Körpers aus schwerer Krankheit gerettet, seine naturgemäße Lebensweise ihn aber in Conflict mit seiner Familie und der Polizei gebracht habe, wie man ihn verstoßen, verhöhnt und verlacht, seine Hütte, die er sich im Walde gebaut, mehr als einmal zerstört, auch öfters versucht habe, ihn in eine Irrenanstalt zu bringen. Nichts hat den überzeugten Mäßigkeitsfanatiker von seinem Wege
abzubringen vermocht und es ist ihm nach und nach gelungen, sich zu einer vielbeachteten Persönlichkeit aufzuschwingen. Seine sympathische Erscheinung, der edle, von goldbraunem Haar umwallte Christuskopf des erst 26jährigen Mannes trägt mit dazu bei, ihm Thüren und Herzen zu öffnen. Wohin er kommt, setzt er seine kleine Broschüre „vom natürlichen und unnatürlichen sein oder das zil und der inhalt meines lebens“, sowie Postkatten mit seinem Porträt (!) in unzähligen Mengen ab und hofft es schließlich so weit zu bringen, eine Naturheilanstalt für unbemittelte Kranke aus den so erworbenen Mitteln errichten zu können. Eine neue Schrift „das götliche sein oder das gesetz gotes in der natur“ wird demnächst im Druck erscheinen. In Weimar, wo man eigenartigen Erscheinungen und sonderbaren Schwärmern aller Art das lebhafteste Interesse entgegenbringt, bildete der Wanderprediger mit dem Christuskopf tagelang das Gesprächsthema. Von dort hat er sich zunächst nach Jena gewendet und wird wahrscheinlich allmählich nach Süddeutschland u.s.w. vorrücken.

Innsbrucker Nachrichten, 48. Jahrg., 2. März 1901, Nr. 51, S. 19. Online