Abstecher ins Tessin 1933

Fidus im Nebelspalter

Fidus war zu Beginn der 1930er Jahre kein Unbekannter in der Schweiz. Ebensowenig wie der Schweizerische Lichtbund, der einen Teil der Lichtbildervorträge organisierte. Davon zeugt ein Beitrag in der Satire-Zeitschift Nebelspalter, der Ende 1931 unter dem Titel “Nacktheit ist sittlich” erschienen ist.1

Mit Bezug auf den Titel einer Broschüre der Vereinigung wird darauf hingewiesen, dass beim Freispruch der Vereinigung 1926 argumentiert wurde, dass Nacktheit an sich weder mit Unsittlichkeit noch mit Sittlichkeit etwas zu tun habe. In der Folge wird ausgeführt:

Es ist mindestens eine eben so grosse Torheit, die Nacktheit als sittlich zu loben, als sie als unsittlich zu verdammen. Das führt dann zu jenem Extrem der Nacktkultürlermentalität, die jeden, der nicht nackt herumläuft, als ein komplexes Schwein abtut.

Diese betonte Nacktkultur ist keine Befreiung von falscher Wertung, sondern lediglich Umwertung in eine neue Absurdität.

Sowohl der Mucker, der vor einem nackten Bild in eine Ekstase des Entsetzens fällt, als auch der Fidusmensch, der in der Nacktheit sein Sittlichkeitsideal vergöttert … beide sind nicht frei … beide sind sogar im selben Spitel krank … beide leiden an der Wertung der Nacktheit.

Bei aller Anerkennung für die gesunden Bestrebungen des Lichtbundes bleibt zu wiederholen:

Nacktheit hat an sich weder mit Unsittlichkeit noch mit Sittlichkeit etwas zu tun! Jede Wertung ist Unsinn und wenn der Fidusmensch mit dem Mucker nicht in dasselbe Panoptikum gestellt werden will, so wird er sich künftig mit einer ganz prosaischen Nacktheit ohne jede Sittlichkeitsglorie abfinden müssen.

Vortragsreise in die Schweiz

Am 1. Mai 1932 wurde Fidus Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei NSDAP mit der Mitgliedsnummer 1.109.839 in der Ortsgruppe Woltersdorf, Gau Brandenburg 46.

Im Jahr darauf reiste er in die Schweiz und hielt zwischen dem 6. und 30. März an verschiedenen Orten Lichtbildervorträge und machte einen Abstecher ins Tessin.2 Die Inhalte der Vorträge und die Auswahl der gezeigten Bilder sind nicht bekannt. Auch die Vorankündigung des Lichtbildervortrags am 18. März in Schaffhausen im Schaffhauser Intelligenzblatt ist wenig konkret, bis auf den letzten Satz:

Der berühmte Meister der Mal- und Darstellungskunst spricht nächsten Samstag in der Aula der Mächenschule über seine kulturellen Bestrebungen und wird dies durch selbstkolorierte Lichtbilder veranschaulichen. Seine großen Erfolge in Zürich und Winterthur lassen auch in Schaffhausen einen vollbesetzten Abend erwarten. Fidus ist in der Kunst seine eigenen Wege gegangen. Seine Bilder sind Gesichte; sie sehen im Vergänglichen das Gleichnis und spannen ihre Kraft zwischen die beiden Pole der Natur- und Geistverbundenheit. Die Kunst hat da nicht den äußeren Schein der Natur aufzudrücken, sondern sie vermittelt Gedanken und schafft Sinnbilder von jenem unaussprechlich Wesentlichen, Edlen, Schönen und Hinreißenden, das hinter den Dingen verborgen liegt. Unermüdlich schafft Fidus für das hohe Ziel: gesundes, aufrechtes, aufstrebendes Volk.3

Möglicherweise besuchte Fidus im Tessin das Ferienheim Neugeboren in Locarno-Monti und hielt dort einen oder sogar mehrere Vorträge. Nöthiger hatte Fidus in einem Brief Mitte Februar mitgeteilt: “Nach diesen vorträgen ist noch die fahrt zu frau neugeborn in locarno monti vorgesehen, wo du weitere vorträge mehr in kleinerem rahmen zum grossen teil in künstler- und reformkreisen halten könntest. getrud prellwitz war ebenfalls dort und es hat ihr sehr gut gefallen.”4 Gleichzeitig hatte ihm Karl Buess Fidus mitgeteilt: “Nach diesem Tournèe wirst Du in Locarno ebenfalls zu einem Vortrag erwartet und bist – mit Fam. – von Frau Neugeborn aufs herzlichste zu Gast geladen. Wie sie schreibt würde sie sich freuen Euch 8-10 Tage bei ihr beherbergen zu dürfen. Doch da bist Du ganz frei dies anzunehmen oder nicht, wenns Dich wirklich so rasch nach Hause drängt.”

Auf einem Blatt betitelt mit “Schweizer Vorträge” notierte sich Fidus denn auch: “Locarno: Fr. A. Neugeboren, L.-Monti” und “Ascona: Familie Stelter”.

Dass sich Fidus im Tessin aufgehalten hat, ist zudem durch einen undatierten Brief von Heinrich Hotz, Präsident des Naturheilvereins Zürich, an Fidus belegt. In diesem wünscht er Fidus “sehr angenehme Ferientage in unserem schönen Schweizer-Süden”.

Vorstellbar ist, dass Fidus damals das Santuario Elisarion in Minusio besuchte. Jedenfalls wird Fidus in der Ausgabe 1927-1937 der Broschüre des Santuario zitiert: “Schon das erste Schauen hier hat mich frohgemacht.” Die Kunsthistorikerin Antje von Graevenitz bemerkt in einer Fussnote zu ihrem Beitrag “Hütten und Tempel: Zur Mission der Selbstbestimmung” für das Katalogbuch der Szeemann-Ausstellung “Monte Verità. Berg der Wahrheit”, dass Fidus zusammen mit seiner Frau Elsbet und Gertrud Prellwitz Anfang der 1930er Jahre das Santuario d’Arte Elisarion von Elisàr von Kupffer in Minusio bei Locarno besucht habe, wie Einträge ins Gästebuch belegen würden. Da dass betreffende Gästebuch verschwunden ist, kann der Eintrag nicht überprüft werden.

  1. Nebelspalter, 57. Jahrg., 4. Dezember 1931, Nr. 49, S. 6-7. Online: Nacktheit ist sittlich. []
  2. Am 6. März hielt Fidus in der Aula des Hirschengraben-Schulhauses in Zürich einen Lichtbildervortrag, im Volkshaus Zürich am 11. März den Lichtbildervortrag Die Kunst im Dienste des Aufsteigenden Lebens und am 14. März den Lichtbildervortrag Schaffende Kunst oder Richtungstaumel, am 16. März einen Lichtbildervortrag in Winterthur und am 18. März in Schaffhausen, am 20. März in Basel, am 23. März in Biel, 28. März in Zürich wiederum den Lichtbildervortrag Die Kunst im Dienste des Aufsteigenden Lebens und am 30. März den Lichtbildervortrag Schaffende Kunst oder Richtungstaumel. []
  3. Schaffhauser Intelligenzblatt, 72. Jahrg., 16. März 1933, Nr. 63. []
  4. Brief vom 16. Februar 1933 in der Berlinischen Galerie. []