Obstbaugenossenschaft Heimgarten

Die Obstbaugenossenschaft Heimgarten bei Bülach im Kanton Zürich kann als Urzelle der Lebensreform in der Schweiz verstanden werden. Zudem diente sie als Vorbild für die Obstbaukolonie Eden e. G. m. H. in Oranienburg bei Berlin.

Die Initianten der Genossenschaft waren Friedrich Fellenberg, der damals in Zollikon in der Nähe von Zürich lebte, und Julius Sponheimer. Sie versuchten zuerst, in der Umgebung von Heidelberg und im südlichen Breisgau Land zu erwerben.1 Gemäss Fellenberg war der Boden aber vielfach schlecht oder zu teuer.2 Gerne hätten sie die Siedlung am Zürichsee gebaut, doch da die Preise für das Land „ausserordentlich hoch“ waren, fiel die Wahl schliesslich auf Bülach.3

Zur Lage der Siedlung führt Fellenberg aus:

Eine schöne breite Landstrasse führte am ganzen Gelände vorbei, und gegen Norden und Osten bot der Rheinsberg einen guten Windschutz. Herrliche Wälder umsäumten das ganze Gebiet, und was vor allem ausschlaggebend war: eine Bahnstation war nur 12 Minuten entfernt; in 3/4stündiger Fahrt erreichte man Zürich, den Hauptmarkt für alle zu bauenden Erzeugnisse.

Und er weist auf einen weiteren Vorteil hin:

Ein Umstand, der uns auch zur Entscheidung veranlaßte, gerade die Schweiz für die Neusiedlung zu wählen, war die Impffreiheit des Kantons Zürich. Wie mancher Deutsche möchte gern seine Kinder vor den Schädigungen des Impfzwanges bewahren, wenn er nur könnte!

Gegründet wurde die Obstbaugenossenschaft Heimgarten schliesslich am 23. Mai 1893. Ihr Zweck war gemäss den Statuten „die Schaffung von Heimstätten mit Obstbau und den gemeinsamen An- und Verkauf von Lebensbedürfnissen und der gewonnenen Erzeugnisse.“

In den Vorstand gewählt wurden 1893 Julius Sponheimer sowie [Karl Utermöhlen][(/lebensreform/karl-und-wilhelm-utermöhlen), in den Aufsichtsrat Fellenberg zusammen mit Aurel Poensgen und Leonhard Kehl.

Im Jahr darauf berichten verschiedene Zeitungen von der im enstehen begriffenen Anlage:

Eine großartige, jetzt schon etwa 60 Jucharten umfassende Obstanlage ist laut „Lägernbote“ unter dem Namen „Heimgarten“ zwischen Bülach und Glattfelden im Entstehen begriffen. Die Unternehmung, ins Werk gesetzt von ca. einem Dutzend Theilnehmern zumeist Norddeutschen, wird geleitet von den Gebrüdern Untermöhlen aus Braunschweig und befaßt sich mit der Kultur von Kern- und Steinobst, sowie von Beeren- und Edelgemüsen. Hochstämmige und Zwergbäume folgen sich mit richtiger Vertheilung in symetrischen Reihen. Dazwischen finden sich ebenfalls in regelrechter Reihe und Abwechslung die Pflanzungen von Beerenfrüchten, wie Himbeeren, Erdbeeren, Stachelbeeren und Johannisbeeren. Der noch übrige Raum wird mit Gemüsen ausgefüllt.

1898 traten als Folge von Meinungsverschiedenheiten verschiedene Mitglieder aus der Genossenschaft aus. Es waren dies: Georg Utermöhlen, Karl Utermöhlen und Wilhelm Utermöhlen, Friedrich Kürschner, Karl Ehrt, Franz Plöttner und E. Woehrle.4 Nach einer Statutenänderung im Jahr darauf wurde der Vorstand auf drei Mitglieder erweitert und der Aufsichtsrat abgeschafft. Gewählt wurden damals Sponheimer, Poensgen und Wilhelm Kratzer.(())

** Vostand **

Julius Sponheimer 1893-, 1899-
Karl Utermöhlen 1893
Ludwig van Eye -1902
Aurel Poensgen 1899-1905
Wilhelm Kratzer 1899

** Aufsichtsrat**

Friedrich Fellenberg 1893-
Aurel Poensgen 1893-
Leonard Kehl 1893-

1905 machte die Obstbaugenossenschaft Heimgarten Konkurs und wurde aufgelöst.5 Als ein Grund wurde geletend gemacht, dass nach dem Austritt einiger Mitglieder zuwenig finanzielle Mittel zur Verfügung gestanden hätten.6

Rückblickend machte Fellenberg die Verwendung von Steinmehldünger, die zu ideologischen und wirtschaflichen Unstimmigkeiten führte, für das Scheitern des Projekts mitverantwortlich.

Dazu kam, dass die Familie Utermöhlen, sich dadurch einen Vorteil zu schaffen versuchte:

Sie verschaffte sich die Hauptvertretung der Steinmehldüngerfabrik in Harxheim-Zell in der Pfalz und lieferte der Genossenschaft zunächst 1000 Sack Steinmehl. Ich glaube nicht, daß sie bei dieser ersten Lieferung etwas verdient hat; später aber sollten die Lieferungen fortgesetzt werden, und wenn ich annehmen will, daß selbst dann für die Genossenschaft eine Verteuerung nicht entstanden wäre, so hatte doch offenbar diese Firma ein großes Interesse daran, daß wir ausschließlich oder vorwiegend Steinmehldünger verarbeiteten.

Vegetarische Pension Jungclas

1901 erschien in der Österreichischen Lehrerinnen-Zeitung folgende Empfehlung:

Colleginnen, welche eine vegetarische Pension suchen, ist die des Herrn Jungclas in Heimgarten, Post Bülach bei Zürich, bestens zu empfehlen. Sehr hübsche Zimmer, gute vegetarische Kost (nach Dr. Lahmann), Luft- und Sonnenbäder, auch kalte und warme Wasserbehandlungen. Wald ist in fünf Minuten zu erreichen – größte Ruhe. Ganze Pension täglich 5 Francs.7

Vegetarische Pension „Sonnenheim“

Die Vegetarische Pension „Sonnenheim“ wurde von K. Ehrt geführt.

## August Bernhardt

Wie andere Genossenschafter auch, war August Michael Bernhardt aus Heilbronn an verschiedenen Orten lebensreformerisch tätig.

1895 wurde er in den Aufsichtsrat der Obstbaugenossenschaft Heimgarten in Bülach gewählt. 1901 in den Vorstand.

1895 gründete er eine Firma für Vertretungen.

Pension Bernhardt

1904 wird in der Chronik der Stadt Zürich das Angebot der Pension wie folgt angepriesen:

Die Zeit der Vorkuren naht. Wer nicht in den Süden wandern kann und doch so rasch wie möglich der Gesundheitspflege bedarf, findet beispielsweise im Heimgarten bei Bülach alle Vorrichtungen zur Belebung, Kräftigung und eventuell Genesung. Mitten in Gärten gelegen, nahe dem Walde und einem Aussichtspunkte ersten Ranges, vermag die Pension Bernhardt manches zu bieten, was man sonst in weitester Ferne sucht. Ein Besuch sagt mehr als der weitläufigste Prospekt.

**Vegetrarierheim A. G.**

1897 wurde er Geschäftsführer der Ende Jahr gegründeten Vegetarierheim Zürich A. G., die im Jahr darauf ein Lokal in Zürich eröffnete.

Im Sommer 1904 wurde die Vegetaria aufgelöst.

Bernhardt war auch als Erfinder tätig. 1906 liess er einen Briefumschlag patentieren.

Literatur

  • Friedrich Fellenberg, Die Kolonie Heimgarten. Entstehungsgeschichte, Werdegang und Gründe für den Verfall, Berlin 1908.
  • Heimgarten bei Bülach, Neujahrsblatt 1994 der Lesegesellschaft Bülach (35. Neujahrsblatt), Bülach 1993.
  • Charlotte Odermatt, Die Obstbaugenossenschaft Heimgarten bei Bülach. Ein Ort der Individual- und Gesellschaftsreform, Universität Zürich 2004.

Links

  1. Ebda.
  2. Ebda.
  3. Von einem vergleichbaren Unternehmen fast zur selben Zeit berichteten 1892 die Zeitung Die Ostscheiz und die Illustrierte schweizerische Handwerker-Zeitung: „Ein interessanter Versuch, die Idee der Dezentralisation der Wohnbevölkerung praktisch durchzuführen, wird gegenwärtig in der Nähe von Bülach gemacht. Eine hauptsächlich aus Beamten und Angestellten bestehende „Genossenschaft für Obst- und Gemüsebau“ in Zürich hat nämlich den aus zwei Bauernhäusern bestehenden, in der Nähe der Kreuzstraße liegenden Bauernhof zum „Frohbühl“ mit etwa 30 Jucharten Land, letztere zum Preise von 800 Fr. per Juchart, angekauft. Das Land soll hauptsächlich für Obst- und Gemüsebau verwendet werden, nachdem ein Kulturingenieur, welcher um ein Gutachten angegangen worden war, jene Gegend als für diesen Zweck besonders geeignet dargestellt hatte. Die beiden Häuser werden zur Aufnahme von Beamtenfamilien eingerichtet. Man beabsichtigt, noch weitere Wohnhäuser nach dem System „Klein, aber mein“ zu erstellen, so daß eine größere Anzahl von Familien untergebracht werden könnte. Man hofft, auf dieses Weise für die Betheiligten gesunde und billige Wohnungsgelegenheiten und außerdem einen kleinen Nebenverdienst zu schaffen. Bereits sind auch Unterhandlungen für einen noch weitergehenden Landerwerb im Gange.“ Die Ostschweiz, 19. Jahrg., 7. August 1892, Nr. 181, S. 2 (Online) und Illustrierte schweizerische Handwerker-Zeitung, 8. Jahrg., 13. August 1892, Nr. 20, S. 255 (Online).
  4. Schweizerisches Handelsamtsblatt, 11. Jahrg., 13. Juni 1893, Nr. 138, S. 557 (Online). Die Obstbaukolonie Eden e.G.m.H. wurde am 28. Mai 1893 gegründet.
  5. Ebda.
  6. Ebda.
  7. Zuger Nachrichten, , 19. Mai 1894, Nr. 40, S. 2 ).
  8. Schweizerisches Handelsamtsblatt, 17. Jahrg., 15. November 1899, Nr. 355, S. 1429 (Online).
  9. Schweizerisches Handelsamtsblatt, 19. Jahrg., 18. Juli 1901, Nr. 260, S. 1037 (Online).
  10. Schweizerisches Handelsamtsblatt, 24. Jahrg., 26. September 1906, Nr. 392, S. 1565 (Online).
  11. Schweizerisches Handelsamtsblatt, 13. Jahrg., 3. August 1895, Nr. 198, S. 830 (Online).
  12. Chronik der Stadt Zürich, S. 100 (Online).
  13. Schweizerisches Handelsamtsblatt, 15. Jahrg., 30. Dezember 1897, Nr. 321, S. 1315 (Online).
  14. Schweizerisches Handelsamtsblatt, 22. Jahrg., 18. Juni 1904, Nr. 246, S. 981 (Online).
  15. „Gebr. Utermöhlen, Beseitigung der Reblauskrankheit etc.“, Staatsarchiv des Kantons Zürich, StAZH MM 24.44 KRP 1896/0185, 5.10.1896, S. 56 (Online).

*Bilder: Gebrüder Künzli Aktiengesellschaft: Heimgarten Bülach. [Zürich] : [Postkartenverlag Gebrüder Künzli], [zwischen 1890 und 1910]. Zentralbibliothek Zürich, Künzli I ZH Bülach 20, http://doi.org/10.7891/e-manuscripta-52206 / Public Domain Mark.*

*Letzte Änderung: 6. Februar 2019.*

  1. Friedrich Fellenberg, „Heimgarten“, in: Vegetarische Rundschau, 1907, S. 98-99. []
  2. Ebda. []
  3. Ebda., S. 99. []
  4. Vegetarische Warte, 23. Januar 1902, S. 46-47. []
  5. []
  6. Konkurs der Obstbaugenossenschaft Heimgarten, in: Vegetarische Warte, 19. Januar 1907, Nr. 1, S. 11. []
  7. Österreichische Lehrerinnen-Zeitung, 9. Jahrg., 10. Juli 1901, Nr. 7, S. 143 (Online). []