Grappenhof

Im Sommer 1903 kam Fidus zum ersten Mal in die Schweiz. Er wollte sich ein Bild einer im entstehen begriffenen Siedlung zwischen Weesen und Amden mit dem stattlichen Grappenhof als Zentrum machen.

Initiant der Siedlung war Josua Klein, unterstützt wurde er zu Beginn von Paul Schirrmeister, einem engagierten Vertreter der Bodenreform und der Naturheilkunde, sowie dessen Schwager Paul Lindtner, der als Arzt eine Naturheilanstalt führte, beide Verwandte der Lehrerin und Dichterin Gertrud Prellwitz. Sie hatten Fidus, wie er in seinen Kleinen Lebenserinnerungen festhält, in Berlin auf Josua Klein aufmerksam gemacht als „neuen Geistesführer“, „Logos dieser Zeit“ und Person, die „sozusagen den Christus“ verkörpere. [1]

 

Bei dieser Gelegenheit zeigte Klein die Plätze, die er für Bauten von Fidus vorgesehen hatte. Fidus hält dazu fest:

 

  1. B. sollte der würfelförmig aus dem heiligen Wasser steigende Tempel der Erde unten am See vor einer kleinen Strandspitze „Bätlis“ des sonst steil abfallenden Ufers aufragen. Der „Tempel der eisernen Krone“ sollte, meinem Enwurfe gemäß an einer Berglehne unter Amden liegen, der Tempel der Tat, ähnlich entsprechend, an einer hohen, steilen Bergkanzel, die nach Weesen hinunter „drohte“. Auf der sanft ansteigenden aber Abhang umdröhten Bergstraße von Weesen herauf sollte ich auf halber Höhe auf dem Felsvorsprunge eine Ausruh- und Andachtskapelle bauen! [2]

 

Von Josua Kleins Vorstellungen überzeugt reiste Fidus im Spätsommer oder Herbst 1903 mit seiner Frau Elsa und den beiden Kindern Holger und Trude nach Amden. Begleitet wurden sie von Wilhelm Spohr, der für die Vermittlung der Werke von Fidus sowie Werbemassnahmen zuständig sein sollte, dessen Frau Minna und ihrer Tochter Helene sowie der Photographin Gusti Bandau.

Robert Landmann über Josua Klein

Der Fidus-Anekdote lässt Robert Landmann eine Charakterisierung von Josua Klein folgen. Dieser war auf dem Monte Verità, bevor er 1902 erstmals Amden besuchte, wo er im Jahr darauf seine eigene Gemeinschaft gründete. Landmann weiss über ihn:

 

Als Ida Hofmann ihn bei der ersten Begegnung fragte: „Sie nennen sich Theosoph?“ schlug er sich auf die geschwellte Brust und rollte mit schauspielerischem Pathos die Worte heraus: „Ich bin Mensch! Ich bin, der ich bin!“ Klein hielt gewaltige Predigten, in denen er von seiner Gottgesandtschaft sprach. Er schloss sich an seinen berühmteren Kollegen, den Theosophen Dr. Franz Hartmann, der schon seit vielen Jahren in Locarno und Ascona lebte und über eine beträchtliche Anhängerschaft verfügte, näher an und förderte durch seine transzendentalen Phrasen die allgemeine Verwirrung. [3]

 

Ein Teil der Beschreibung von Klein ist mehr oder weniger wortwörtlich dem Büchlein Monte Verità. Wahrheit ohne Dichtung entnommen, geschrieben von Ida Hofmann, Mitgbegründerin der Siedlung beziehungsweise des Sanatoriums, und 1906 erschienen. Hofmann erinnert sich:

 

„Sie nennen sich Theosoph?“ – so frug ich Klein nach der ersten Begrüssung. „Ich bin Mensch, ich bin, der ich bin“, lautete die mit volltönendem Organ pathetisch gesprochene Antwort Kleins, zu deren Bekräftigung er sich auf die geschwellte Brust schlug. [4]

 

Wenn auch Landmann viel zu flunkern scheint, kann der Hinweis auf Hartmann und seine

Anhänger und Anhängerinnen, ein interessanter Hinweis gewertet werden. Der Ableger der theosophischen Gesellschaft im Tessin und vielleicht noch die Anwesenheit einer ihrer führenden Persönlichkeiten mag mit ein Grund dafür gewesen sein, dass Fidus auf den Monté Verita gereist ist. Er selbst äussert sich allerdings nicht dazu.

Ida Hofmann über Josua Klein

Ida Hofmann berichtet weiter von der Begegnung mit Josua Klein:

 

Der Mann erschreckte mich förmlich und das allgemeine Staunen nahm zu, als sich nun ein Redeschwall über die Anwesenden ergoss, dem gegenüber der Beredteste unter uns verstummen musste. Von was sprach Klein? – Es waren wohl in der Hauptsache eigene Erlebnisse, welchen er durch seinen Predigerton grössere Bedeutung zu verleihen trachtete. Mächtige Energie des Wollens und zugleich die fatalistische Ueberzeugung von der Schickung durch den „Herrn“, der da jeden kleinen Vorfall im Leben fügt und zum Besten beeinflusst, widersprachen einander seltsam in den, von aufgeregtem Mienen- und Gebärdenspiel begleiteten Worten des Sprechers. Es wirkte erlösend als er ging, und die Kunde, dass Klein seine ihm vor zwölf Jahren angetraute Gattin für einen „überwundenen Standpunkt“ – und das zufällige Vorfinden einer Schüssel saurer Milch in unserem Keller sowie die Möglichkeit der Schiffsbenützung zur Weiterreise als eine gütige Sendung des „Herrn“ bezeichnete, gab Henri und mir Belustigung. Gleichgesinnte Seelen hingegen zogen einander an und Lotte, Duss und Klein fanden sich zu engerem Austausch ihrer transzendentalen Gedankenwelt mit Franz Hartmann und Pioda, zwei Anhängern der theosophischen Lehre, in Locarno zusammen. [5]

 

Im Sommer 1903 stattete Ida Hofmann zusammen mit Henri Oedenkoven und Robert Jentschura dem Grappenhof einen Gegenbesuch ab. Sie bemerkt dazu, in Amden würden in der Hauptsache erholungsbedürftige Mütter mit ihren Kindern und Künstler, denen es an den Mitteln zur Ausführung ihrer Pläne mangelt, die Gelegenheit ergreifen, sich eine angenehme und bequeme Existenz zu verschaffen. Denn Klein verlange für den Aufenhalt nichts, sei er doch überzeugt, „dass ihm kraft seines Wollens und seines unerschütterlichen Glaubens an den Allgeist, der Gutes will und Gutes fördert, stets wieder neue Mittel zufliessen werden“. [6] Zu Fidus erwähnt sie nur, dass er einige Zeit dort gewirkt habe. [7]

 

Ida Hofmann drängte sich allerdings die Gewissheit auf, „dass die Meisten der Anwesenden, welche sich auf dem Grappenhof um die üppige Tafel gruppieren, trotz des bedingungslosen Schweigens, welches sie Kleins begeistertem Redefluss darbringen, untereinander nicht einig sind.“ [8] Gleichwohl hätten sie selbst, Oedkoven und Jentschura von Klein einen besseren Eindruck gewonnen als bei seinem Besuch auf dem Monte Verità und sich seinen Ausführungen durchaus anschliessen können. Wobei sie anfügt:

 

Wie weit sie als Bombast oder wohlgefügtes Phrasengeklingel zu bezeichnen sein mögen, werden praktische Ergebnisse noch zu beweisen haben. Klein meint Schwingungen zwischen sich und Henri, Grappenhof und Monte Verità zu spüren. [9]

 

Offensichtlich handelte es sich bloss um Bombast und Phrasengeklingel: Im selben Jahr, in dem Hofmanns Büchlein erscheint, gilt der Siedlungsversuch in Amden bereits als gescheitert und Klein übersiedelt mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten.

Gusto Gräser

Bei seinem Aufenthalt in Amden, schreibt Fidus in den Kleinen Lebenserinnerungen, habe nur noch auf einen Anlass gewartet, um seine Sachen zu packen und nach Zürich zu Elsa reisen zu können. [10] . Der Anlass sollte mit der Ankunft von Paul Lindtner, seiner Frau und seinem Bruder kommen. Lindtner hattte zusammen mit Paul Schirrmeister, Vorstandsmitglied der 1893 gegründeten Obstbau-Kolonie Eden und später Vorsitzender des „Deutschen Bundes der Vereine für naturgemäße Lebens- und Heilweise“, Fidus im Frühjahr 1903 besucht, um ihn für Josua Klein als „Geistesführer“ zu erwärmen. [11] Fidus erzählt:

 

Lindtners brachten allerlei „Gutes“ mit, so auch – Wurst und Speck. Als wir zum ersten gemeinsamen Mittagsmahle wollten, kam wieder ein Besucher „zu mir“. Es war der Naturdichter, Maler und Wanderer Gusto Gräser, der in der Reformer-Siedlung des Belgiers Oedenkofen bei Ascona am Lago maggiore sesshafte Brüder hatte, dessen jüngerer, auch Maler, ehemals östr. Offizier, aber bald starb. Karl Gräser hatte sich ein Naturhaus gebaut, in welchem alle Möbel aus Naturästen und -knorren bestanden. Seine Frau war eine Schwester der Oedenkoven. Gustav aber wanderte durch die Lande und „besuchte“ Gesinnungsgenossen“ solange, bis sie ihn wieder weiter wiesen. Denn er verachtete das Geld und hatte keines. Er ließ also andere, die es redlich brauchten, für sich sorgen! Er ging dabei malerisch in estischer Zigeunertracht, schön aber unzivilisiert mit umwickelten Beinen und „Opanken“ an den Füßen. Er sang seine Lieder mit schöner Baritonstimme, und verkaufte wohl auch von seinen eigenen Bildkarten, das Geld nur benutzend, um sie weiter drucken zu lassen. So war er auch schon in Friedrichshagen zu uns gekommen. Nun kam er zum Grappenhofe und wurde, wiederum trotz meiner Warnung von Josua zu tisch geladen. Man wusste, daß er Vegetarier war; aber Josua, der alle Gesetze selbst bestimmen wollte fragte ihn, ob er nun der Gemeinschaft willen auch alles mitessen würde. Gusto wich aus und sagte er wisse nie vorher, was er in jedem Lebensfalle tun würde, er handle dann nach seiner inneren Stimme. Die lässt Josua ja bei Andern! nicht gelten; er sagt „das Leben spricht“ wenn er seinen Einfall walten lassen will. So fragte er ihn, ob er z.B. mit ihnen alsobald Wurst u. Schinken essen würde, um des Bleibens in der Gemeinschaft würdig zu sein. Und rief den Jungen zu diese Leckereien herbei zu holen. Dann sagte er feierlich „Nun wollen wir in einem heiligen Gemeinschaftsmal auch diese Speisen heiligen und unsern Bund mit diesen besiegeln!“ – Da hatte ich genug, der Anlaß war da! Ich stand auf, sprach einen Abschiedssegen dafür und reichte nur Josua die Hand, der sie mir verstummt nicht verweigerte. Dann ging ich hinauf und packte meine Restsachen! Gusto aber, statt sich mir anzuschließen blieb und aß mit. Mir war es ja nicht um das bischen Wurst u. Schinken, zum Ekel, sondern um des lächerlichen Getues willen! [12]

 

Und er fügt an: „Ich mied weitere Gemeinsamkeiten, selbst mit Gusto Gräser, um ihn (nach Nietzsche) Scham zu ersparen.“ [13]

 

Was sich wir ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht anhörte, blieb auch eines (vgl. [[Wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht]]). Fast genau ein Jahr später erschien im Inteliggenzblatt ein weiterer, kurzer Bericht über den Grappenhof unter dem lapidaren Titel „Das Ende“:

 

Die geheimnisvolle Kolonie in Amden scheint, wie die „Thurg. Ztg.“ schreibt, in voller Auflösung begriffen zu sein. In den Blättern war vor einigen Tagen das Mobiliar und der Viehstand der Kolonie „Grappenhof“ zur Versteigerung augeschrieben und die Gant hat auch bereits am letzten Freitag begonnen. Herr Josua Klein, der Prophet von Amden, befindet sich zur Zeit in Wien. Er will dort Vorträge halten, da ihm dies in Zürich so wenig geglückt ist. Die Versteigerung wird diese Woche ihre Fortsetzung finden. Herr Klein ist für 35,000 Fr. verpfändet. Die Künstlerkolonie in Weesen, die vorher ebenfalls unter Kleins Leitung gestanden, hat sich aufgelöst. Ihr Haupt, Maler Fidus-Höppener, befindet sich schon einige Wochen wieder in Berlin. Damit wird nun manches ins Wasser fallen, was man in Amden an Hoffnungen aufgespeichert hatte. Man wird den „Tempel der Erde“ nicht bauen und die Bahn auf den Speer auch begraben müssen. [14]

 

  1. Fidus-Serie, S. 16.
  2. Zitiert nach Fidus-Serie, S. 16 ff.
  3. Ascona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies. Von Ursula Wiese überarbeitete und ergänzte Ausgabe, unter Mitarbeit von Doris Hasenfratz. Neu herausgegeben mit einem Nachwort versehen von Martin Dreyfuss. Verlag Huber, Frauenfeld, Stuttgart, Wien 2000. S. 43.
  4. Monte Verità, Wahrheit ohne Dichtung. Verlag von Karl Rohm, Lorch 1906. S. 31.
  5. Hofmann, Monte Verità, S. 31.
  6. Ebda., S. 64.
  7. Ebda., S. 64.
  8. Ebda.
  9. Ebda., S. 65.
  10. Kleine Lebenserinnerungen, S. 225.
  11. Ebda., S. 202.
  12. Ebda., S. 226f. Ich erlaube mir, diesen Auszug hier wiederzugeben, da eine Kopie des Typoskripts der Stelle in der Casa Anatta auf dem Monte Verità ausgestellt ist.
  13. Ebda., S. 227.

Intelligenzblatt, 71. Jahrg., 24. November 1904, Nr. 279. Online: Das Ende.

Artikel

Der „Prophet“ Josua Klein in Wien

[[Strange New Religion]], in: Evening Post, 23. November 1903.

[[Das Bürgerrecht für eine Million Franken]], in: Vorarlberger Tagblatt, 25. November 1903.