Der „Prophet“ Josua Klein in Wien

Der „Prophet“ Josua Klein befindet sich seit einigen Wochen in Wien. In der Schwveiz hatte er viel von sich reden gemacht. In Amden, dem prachtvoll über dem Walensce gelegenen Bergdorf, hat er vor Jahren so etwas wie eine spiritistische Colonie
gegründet. Für dieses Unternehmen wurden ihm etwa 450 000 Francs anvertraut. Die Gründung kam unter den Hammer. Klein weilt nun gegenwärtig, wie die „N. Fr. Presse“ berichtet, in Wien, um durch den hypnotischen Einfluß, den er sich zuschreibt, neue Geldquellen für die Unternehmung flüssig zu machen. Er hat mit diesen Bemühungen bisher noch wenig Erfolg gehabt. Der Schweizer
Prophet glaubt die Kraft zu besitzen, durch seine eindringliche Beredsamkeit nnd sein sicheres Auftreten Personen die Ueberzeugung von der Richtigkeit seiner Behauptungen beizubringen. Herr Klein verkehrte in Wien viel in der „theosophischcn Gesellschaft“; als er daselbst den Boden verlor, suchte er im Occultistenverein festen Fuß zu fasse», was ihm auch halb und halb gelungen sein soll. Aber es fand sich bisher Niemand, der auf seine Projecte durch materielle Unterstützung eingegangen wäre. Der Zweck der Unternehmung in Amden soll darin bestehen, daß dort eine neue Heilmethode ausgeübt werden soll, die Klein erfunden haben will. Den Gläubigen, die er in Wien gesunden haben will, soll er versprechen, sie in den Besitz der sogenannten „universellen Kräfte“ zn setzen. Besonders suche er auf Frauen einzuwirken. Das Geld, das Klein zur Gründung des Unternehmens in Amden verwendete, soll er von Baron Hoffmann in Leipzig erhalten haben, der aber erklärt, er habe sich inzwischen von der Haltlosigkeit der Unternehmungen Kleins überzeugt. Auch nach Wien soll Baron Hoffmann auf Anfragen, die an ihn gerichtet wurden, diese Erklärung haben ergehen lassen, der Baron soll 500 000 Mk. für das Unternehmen in Amden zur Vefügung gestellt
haben. Auch der Maler Fidus, ein Schüler Dieffenbachs, der in Zürich lebt, soll Geld für die Sache hergegeben haben. Klein habe unter Anderm bei kranken Kindern Heilversuche unternommen, die mißglückt seien, für die er aber ärztliches Honorar beanspruchte.

Erschienen in: Berliner Börsen-Zeitung, 8. Dezember 1904, Nr. S, S. 12. Online: Der „Prophet“ Josua Klein in Wien.