Im Souterrain des Hauses Seilergasse 14

Im Souterrain des Hauses Seilergasse 14 ist bei elektrischer Beleuchtung Diefenbach’s 70 Meter langer Fries “Per aspera ad astra” ausgestellt. Veranstaltet wurde die Ausstellung von der Ehren-Vereinigung znr Rettung Karl Wilhelm Diefenbach’s. Diefenbach muß nämlich gerettet werden. Er, und nur gerade er ist immer von lauernden Gefahren umgeben, er, und nur gerade er erduldet ein furchtbares Martyrium, und Gefahren. Martyrium und unsagbare Qualen sind schließlich so arg geworden, daß eine Ehren-Vereinigung sich bilden mußte, um das schwierige Geschäft seiner Rettung zu besorgen. Die brutale, hyänenwilde Außenwelt ist freilich schon seit zwanzig Jahren der unser Jahr hundert beschämenden Ansicht, daß sich Diefenbach ganz gut selber retten könnte, sofern er nur stetig und fleißig malen wollte, an ­ statt sehr kostspielige Commentare und redselige Streitschriften drucken zu lassen, und daß er vielleicht schon gerettet wäre, wenn er all das Geld hätte, was diese im Grunde recht überflüssigen Bücher gekostet haben. Duch [sic!] den ausgestellten Fries hat er den Gegenbeweis, daß er wirklich sich der andauernden Arbeit ge widmet habe, nicht erbracht. Diese hübsche, künstlerische Spielerei ist schon seit Jahren bekannt. Es steckt schon ein tiefer Sinn in dem Werke, den wir aber nicht verstehen. Das muß man sich durch ein Buch oder durch einen Schüler Diefenbach’s erklären lassen; das haben wir gethan, Beides, es hat aber nichts geholfen. Es hat auch einen sehr tiefen Sinn, daß die Motive als schwarze Schattenbilder und nicht in Farbe ausgeführt worden sind. Bei uns hat leider die Erklärung auch da nichts genützt. Das Einzige, was wir verstehen und begriffen haben, ist, daß ungemein viel Zartheit und Anmuth in diesen zufällig nicht mit der Scheere ausgeschnittenen Silhouetten steckt. Das Ganze ist ein Festzug jugendlicher Lebensfreude. Schade, daß der Künstler dem Zauber der Farbe ausgewichem ist, so ist es doch nur halbe Kunst. b. g.

Neues Wiener Journal, 6. Jahrg., 22. März 1898, Nr. 1584, S. 7 (Online).