Monte Verità 1994

ein Traum. –

Vor einem halben ]ahrhundert trieben Fremde auf und um den Monte Verità von Ascona herum ihre „Zurück-zur-Natur“-Uebungen. In der Mitte des Jahrhunderts setzten sich wiederum Fremde auf unserem Südbalkon fest. Auch sie vorwiegend Deutsche, auch sie irgendwie auf der Suche nach einem
Urzustand, und sei es nur der (fast) steuerlose. Wie wird es am Ende (dieses Jahrhunderts) aussehen? Hier hakt mein Traum ein.

Es war Mittag, und das Wasserflugzeug landete auf dem Lago Maggiore, in der Bucht von Ascona. Ich kannte mich kaum mehr aus, denn Ascona hatte sich seit meinem letzten Besuch im Jahr 1959 gewaltig verändert. Ein Häusermeer! Mehr noch eine Betonwüste. Das Wort Wüste war umsomehr am Platze, als einem von überall her eine verheerende Vernachlässigung der Häuser, Gärten und Straßen entgegengähnte.

In einem kleinen Boot landete ich auf der Piazza. Schon wollte ich angesichts dieser Trostlosigkeit den Mut ganz sinken lassen, als mich eine vertraute Vision mit einem Gefühl des Heimeligen erfüllte. Nicht weit von mir promenierte ein älteres Ehepaar, wie man ihm schon vor einem Vierteljahrhundert, im
Jahr 1959, und noch früher im Tessin begegnen konnte. Brave Bürgersleute, Schweizer Feriengäste, sie, dem Aussehen nach, eher für die geistigen Aspekte des Südens (die Kirchen, Hermann Hesse etc.) interessiert, er, dem Bäuchlein nach, den Geist des Südens eher in Form von Chianti in den Grotti suchend.
„Grüezi!“ wandte ich mich an die Unbekannten. „So, sind Si auch e chli da unde!“ antworteten beide im Chor. Darauf ich: „Können Sie mir vielleicht sagen, welches in Ascona die wichtigsten Sehenswürdigkeiten sind. Ich halte mich nur eine halbe Stunde hier auf und fliege nach New York weiter, wo
ich heute abend geschäftlich zu tun habe.“ Frau Zinsli war offenbar hoch erfreut, sich aus dem Stegreif lexikographisch zu betätigen und legte los: „Die deutsche Geisterstadt wird von vielen empfohlen und wird demnach auch täglich von Tausenden von Touristen besucht. Sehen Sie dort am Hang oben das Schild

German Ghost Town?“

Tatsächlich blitzte inmitten eines Ruinenfeldes ein überdimensioniertes Neon-Licht auf und ab. Frau Zinsli bemerkte, daß ich ziemlich sprach- und ratlos war und erläuterte weiter:

„In den Fünfzigerjahren setzten sich, wie Sie vielleicht nicht wissen, viele Deutsche hier fest. Sie bauten Villen, fuhren in besseren Autos umher und schienen die Lichtseiten der Zivilisation zu genießen. Bis eines Tages ein Mann in schlichtem weißem Reformanzug, mit wallendem Bart und barfuß in Ascona auftauchte und sich an dieser Stelle, auf der Piazza, als Wanderprediger betätigte.

Das war im Jahr 1970. Moritz Wurzelwende, so hieß der neue Prophet, rief eine neue Bewegung ins Leben. Er war gegen das, was er die Film- und Glamour-Zivilisation nannte, und für die absolute Rückkehr zur Natur. Es gelang ihm, sozusagen alle Deutschen um sich zu scharen, die Film- und Kaufleute, die Toto- und Quizgewinner, die pensionierten Politiker und Gewerkschaftssekretäre. Einer nach dem andern ließ seinen Wagen in der Garage stehen und
verrosten und ging wieder barfuß einher. Die Frauen vernachlässigten ihr Aeußeres mit System und pflegten ihr Inneres, indem sie schöngeistige
und schwärmerische Lektüre wie Konfitüre schleckten. Im übrigen nährte man sich von Beeren, Früchten und rohem Gemüse. Eine Gruppe lehnte sogar den Genuß von Traubenbeeren ab, weil der Traubensaft scheinbar den Sex-Nerv, den man schon im Keim ersticken wollte, kitzelte.

Die Wurzelwende-Bewegung

erreichte 1978 ihren Höhepunkt, als die ganze Kolonie ihre Villen zerstörte und verließ, um auf dem Monte Verita und seiner Umgebung ein permanentes Laubhütten-Camping zu errichten. Dort leben die Leute heute noch, als moderne Naturmenschen.“

„Kann man diese Siedelung besichtigen?“

„Darauf wollte ich ja heraus! So uninteressant die verlassene Geisterstadt ist, so lohnend ist der Besuch bei den nordischen Waldmenschen. Heute abend wäre eine Führung, doch Sie haben leider keine Zeit.“

„Was halten Sie davon, Frau Zinsli? Ich nehme an, Sie haben eine solche Führung mitgemacht.“

„Ich weiß nicht recht. Rohkost und Innerlichkeit sind schon recht, aber in meinen Augen leisten sich diese Leute ein wenig zuviel des Guten. Umgekehrt imponiert mir diese Konsequenz. Wußten Sie schon, daß Nehru, der allerdings heute 105 Jahre alt ist, kürzlich erklärt hat, wenn sich alle Menschen an
den Deutschen im Tessin ein Beispiel nehmen würden, wäre der Weltfrieden sichergestellt?

Amüsant ist übrigens die Hütte von Romy Schneider. Sie ist 54 heute, sieht aber wie 85 aus, mit Haaren bis auf den Boden herunter und einem endlosen handgestrickten Bußgewand. Den Besuchern bietet sie einen selbstgemachten Ziegenkäse an, mit dem ewig gleichen Spruch: ‚Der Film ist schlecht, was uns nottut, ist die Innerlichkeit!‘ Wissen Sie…“

An dieser Stelle wachte ich auf, d. h. wurde ich, weil ich offenbar laut und sinnlos sprach im Traum, von sonst sanfter Seite geweckt. So verschwand Frau Zinsli und die Laubhüttenmenschen von 1994 im dunkeln Wald der Zukunft. Meine Frau glaubt mir meinen fast weihnächtlichen Romy Schneidertraum
heute noch nicht!

Paul Rothenhäusler, Nebelspalter, 85. Jahrg., 23. Dezember 1959, Nr. 51, S. 24.
Online: Monte Verità 1994.