Monte Verità – Ascona. Die Geschichte eines Berges von Robert Landmann

Von [[Erich Mühsam]]

Es handelt sich nicht um die Geschichte von Aufstiegen auf einen Berg, sondern um die Geschichte des Berges selbst, die wir, nach dem Wunsche Robert Landmanns, als Aufstieg begreifen sollen. Ich habe die Geschichte des Monte Verità – gesteh‘ ich’s nur; es war eine Jugendliebe von mir – wie einen Krankheitsbericht gelesen, und nun, da ich das Buch zur Seite lege, habe ich das Gefühl, als käme ich von einer Beerdigung.

Im Sommer 1904 kam ich.zum erstenmal nach Ascona, halb zufällig, und ohne Ahnung, dass hier schon seit vier Jahren Leute lebten, Landsleute sogar, die vor Kapitalismus, Zivilisation, europäischem Betrieb und gesellschaftlicher Verlogenheit geflüchtet waren, um nach eigenen moralischen und gesellschaftlichen Grundsätzen in freiwilliger Verbundenheit und in individueller Gemeinschaft ein soziales Beispiel zu geben. Noch viel weniger ahnte ich, dass dieser wunderbarste Fleck Erde, den ich je gesehen habe, Jahre hindurch in kurzen Abständen immer wieder die Zuflucht meines unsteten Lebens sein würde, und am wenigsten, dass ich nach mehr als einem Vierteljahrhundert lesen würde, ich gehörte zur Geschichte Asconas nicht minder als Ascona zu meiner Biographie. Immerhin glaube ich, der Geschichte des Monte Verita, des „Berges der Wahrheit“, der sich in herrlicher Anmut über dem Maggia-Flecken am Lago Maggiore erhebt, mit kaum grösserer Bedeutung anzugehören, als mit der des ersten öffentlichen Warners vor dem Entwicklungsweg, der in Landmanns Buch unterhaltsam und mit dem Willen zu vollkommener Objektivität geschildert und gepriesen wird.

Der Monte Verita war meine Liebe nur wegen der Schönheit, sie wegen des Charakters; meine Leidenschaft gehörte dem Ort Ascona. Wer das Buch liest, wird erkennen, dass diese Bevorzugung des mütterlichen Dorfes vor der töchterlichen Ansiedlung bald genug Parteinahme gegen den Monte Verità heissen musste. Denn schon vor 25 Jahren zeigten sich die Ansätze dessen, wovon der Verfasser rühmt: „Dreissig Jahre dauerte es, bis die Erkenntnis kam, dass das Ziel nicht in gossartigen, weltbewegenden Taten lag, sondern in. der Beschränkung, der Selbstbesinnung, der Ausgestaltung des eigen Seins im Rahmen der zeitlichen Möglichkeiten.“ Ausserhalb des Monte Verità aber, in Hütten und Gärten ringsum, auf den Anhöhen Asconas, da sassen die Schwärmer, die Narren, die – mochte immer ihr Weltbild verworren und ihr Schalten wirklichkeitsfremd und selbst lächerlich sein – den Traum ihrer Menschheitssehnsucht nicht für das Linsengericht „zeitlicher Möglichkeiten“ hergaben. Ihnen war ich tiefer verbunden als denen, die aus einer auf kommunistischen Grundlagen gedachten Kolonie ethisch gleichgerichteter Menschen ein vegetarisches Sanatorium werden liessen, das sich von anderen kapitalistischen Unternehmungen schon sehr bald nicht viel anders unterschied als durch sozialistische Firmierung. Noch enger verwandt fühlte, ich mich den Tessiner Einwohnern selbst, die ein starkes Gefühl für Freiheit hatten, ohne es durch irgendein schmachtlappiges Aposteltum besonders glaubten bekunden zu müssen.

Es ist ganz richtig, dass die Gründer des vegetarischen Wahrheitstempels, Henri Oedenkoven und Ida Hofmann, von ehrlichsten Idealen bewegte Menschen waren. Ihre Schwäche sah ich aber gerade in dem, was ihnen Landmann als stärkstes Verdienst anrechnet, in der Fähigkeit, den praktischen Anforderungen des Tages stets auf Kosten ihrer Idee Rechnung zu tragen. Dieser Opportunismus ist das Schicksal des Monte Verità geworden. Er ist am gesunden Menschenverstand seelisch zugrundegegangen, in einem Masse, dass eine Schweizer Zeitung, wie Landmann ganz zufrieden zitiert, kürzlich schreiben konnte: „Die Sünden des Berges und seiner originellen Wahrheitssucher sind verjährt. Nur ein pikanter Nachgeschmack ist übrig geblieben, der den Nachgekommenen mit der gespickten Geldkatze, den feinen Leuten im Sportdress, die das ehemalige Paradies der Naturmenschen bewohnen, ungemein behagt. Sie geniessen ausgiebig die Freiheit, die andere, mit anderen Absichten, hier verkündet und aufgerichtet haben.“

Ich war seit 20 Jahren nicht mehr dort. Nach Ascona zieht mich noch heute ein Gefühl, das nicht weit entfernt ist von Heimweh. Aber ich bin nach der Lektüre des Landmannschen Buches entschlossen, bei einem möglichen Wiedersehen mit den Stätten fröhlicher und romantischer Abenteuer, von denen ja auch in diesem Entwicklungsbericht manchmal ein Schein aufleuchtet, den Monte Verità ängstlich zu meiden. Der Aufstieg des. Instituts, der sich darin kundgibt, dass auf Seite 80 unter seinen Besuchern der Frühzeit die Bilder Lenins, Klabunds, der Gräfin Reventlow und meines gezeigt werden, und dass sich auf Seite 256 dann u. a. als Besucher der jüngsten Vergangenheit die Photos von Edmund Stinnes und dem Exkronprinzen präsentieren, ist geeignet, meine Neugier zu zügeln.

Aber die Geschichte, die zwischen den beiden Lichtbildseiten erzählt wird, ist lehrreich genug, und nicht jeder wird sie ja wie einen Krankheitsbericht lesen. Landmann hält sein eigenes Urteil weit zurück; er kompiliert sein Werk, aus einer grossen Zahl von Schriften, Berichten, Zeitungsartikeln, Programmen und Prospekten, womit er erreicht, dass die handelnden Figuren aus drei Jahrzehnten nebst ihrem Wollen und ihrer Beziehung zum Monte verità ziemlich vollzählig aufmarschieren. Leider benutzt er aber viel zu ausgiebig das Buch eines gewissen Emil Szittya „Das Kuriositätenkabinett“, das eine durchaus unsaubere Quelle ist, auf übelste Sensation ausgeht und Persönlichkeiten grössten Masses unter Entstellungen der Wahrheit der niedrigsten Klatscherei ausliefert. Sehr aufschlussreich sind dagegen die zahlreichen Auszüge aus den Broschüren und Flugblättern Ida Hofmanns, und mich freute auch die gründliche Benutzung meiner eigenen, 1905 geschriebenen Broschüre „Ascona“, da die Zitate daraus erweisen, dass ich dem Monte Verità schon sehr früh die richtige Diagnose gestellt habe. Nachdem Landmann einen Prospekt des komfortablen Hotels mitgeteilt und uns von den saftigen Preisen unterrichtet hat, die heute in Henri Oedenkovens Heim eines natürlichen, allem Luxus und aller Ungleichheit abgeneigten Lebens von seinen Nachfolgern erhoben werden, stellt er fest: „Der Monte Verità, der so lange reifen, irren und wachsen musste, hat nun endlich seine Fehler, Erlebnisse, Launen und Exzesse überwunden und ist zur Vollkommenheit gelangt.“

Ich hatte lange nichts von meiner Jugendliebe gehört. Jetzt habe ich sie begraben. Geh’n wir, einen Trauerschoppen trinken.

Berliner Tageblatt, 59 (357) 31. Juli 1930, Abendausgabe 872.