Diefenbach ist wieder da!

Seine Bilder im Glaspalast.

Ältere Wiener erinnern sich wohl noch des Aufsehens, das, ein wenig vor der Jahrhundertwende, hier wie überall der Maler Karl Wilhelm Diefenbach schon durch sein Erscheinen in den Straßen hervorrief. Er trug weiße, antike Gewänder, hatte das, was man einen Christuskopf nennt, betonte die Ähnlichkeit auch ein wenig und war stets von einer Schar Gefährten im selben Aufzug begleitet. Diefenbach war damals aus dem Isartal nach Wien gekommen, ein eifriger Vorkämpfer der Lebensreform und des Vegetarismus, der aber überall durch sein agressives Auftreten Zwischenfälle hervorgerufen hatte; dabei ging es ihm und den Seinen so schlecht, daß sich in Wien, wie Arthur Roessler im Katalog-Vorwort er ­zählt, ein “Ehrenkomitee von Frauen und Jungfrauen Wiens zur Rettung K. W. Diefenbachs” bilden mußte… Auch in Wien hielt es der Maler nur ganz wenige Jahre aus. Er durchwanderte mit seinen Anhängern Italien zu Fuß und ließ sich schließlich auf Capri nieder. Seine Villa mit Bildern und Fresken wurde dort vor einigen Jahren noch gezeigt; er selbst ist 1913, nicht viel über sechzig Jahre alt, auf Capri ge storben. Seine Anschauungen und sein Stil haben übrigens den seinerzeit gleichfalls sehr bekannten Maler Fidus wesentlich beeinflußt.

Die “Kunstgemeinschaft” hat für ihre neue Ausstellung im Glaspalast des Burggartens einige Arbeiten Diefenbachs erhalten, denen ein Zimmer eingeräumt ist. Sie geben Zeugnis von Diefenbachs Gedankenwelt, von dem Spiel mit dem Übersinnlichen, aber auch von seinem durchaus diesseitigen Maler-Können. […]

Die Stunde (Wien), 11. Jahrg., 29. März 1933, Nr. 3014, S. 9 (Online).