Panslawismus und Deutschrussen

Ueber diese» Thema erhält der “Revaler Beob.” vom bekannten Publizisten F. von Wrangell aus der Schweiz nachstehende Zuschrift:

Uns Rußländern deutscher Nationalität wird seitens unserer russischen Mitbürger der Vorwurf gemacht, wir könnten uns nicht mit voller Hingebung an den staatlichen Ausgaben beteiligen, weil wir uns für die große historische Mission Rußlands — die Vormacht des Slawentums und der Orthodoxie zu sein, nicht begeistern könnten, ja weil wir ihr sogar abwehrend gegenüber stehen.

Diese Behauptung ist richtig inbezug auf den Panslawismus, wie er bis jetzt in die Erscheinung getreten ist; denn da ist tatsächlich nur ein gemeinsames Gefühl zum Ausdruck gekommen: der Haß gegen das Deutschtum. Für die Einheitsbestrebungen Griechenlands, Italiens, Deutschlands konnte sich auch der Fremde erwärmen, denn ihnen lag ein positiver Gedanke zugrunde; beim Panslawismus ist es bis jetzt nur ein negativer: der Haß.

Wie die Geschichte zeigt, hat der Einfluß des deutschen Elements im russischen Staatsdienst noch keinen Herrscher daran gehindert, je nach seiner Einsicht oder Neigung, slawophile, resp. ausschließlich russische Ziele in den Vordergrund seiner Politik zu stellen. In letzterem Falle, bei Verfolgung rein staatlicher, auf den gegenwärtigen Bestand des Reiches bezüglicher Bestrebungen, hat die Mitarbeit des deutschen Elementes der Bevölkerung noch nie versagt; auch für die allgemein kulturellen Aufgaben, die das russische Reich in seinen asiatischen Grenzgebieten zu leisten hat, kann der Deutschrusse mit gleicher Hingebung arbeiten wie der Moskowite. Nur wird er, soweit er sich seiner Nationalität bewußt ist, für ein prinzipiell feindseliges Verhalten zu dem Deutschtum und aus nationalistischen Motiven auch zu unseren westlichen Nachbarn, niemals zu haben sein. Er wird in jeder Lage, seine Pflicht tun, auch wenn sie seinem Gefühle widerspricht. Aber den Strom nationalen Hasses wird er versuchen, so weit es in seinen Kräften steht, einzudämmen und zu schwächen.

Mißtrauen, Mißverständnis, Lüge, Torheit — das sind die Quellen des Hasses und denen muß man entgegentreten unentwegt nnd unverzagt. Das ist eine große, für Rußland segensreiche Aufgabe, an der wir uns zu beteiligen haben mit dem Glauben an den endlichen Sieg der Wahrheit und der Liebe.

Rigasche Zeitung, 31. März 1909, Nr. 71, S. 1-2.
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