Reichstagskandidat in Hemd und Sandalen

Gustav Nagel, Deutschlands sonderbarer Heiliger. – Der Apostel mit den vielen Frauen.

Berlin, 5. September.

Als der Name Gustav Nagel auf der Liste der Reichtagskandidaten erschien, ging ein verständnisvolles Schmunzeln über die Gesichter der Leser. Unwillkürlich drängte sich ihnen das Bild des Apostels mit der wehenden Mähne und dem blonden Christusbart auf, wie er in seiner sonderbaren Tracht,
halb Kutte, halb Sack, die derben Sandalen auf den Füßen — durch die Couloirs wandelt — zum großen Entsetzen seiner Mitabgeordneten, die natürlich in tadellosem Schwarz erschienen sind. Und wenn Gustav Nagel eines Tages noch auf der Ministerbank auftauchen würde — nicht auszudenken!

Eines muß man aber diesem “wanderprediger und tempelwächter von gottes gnaden”, wie er sich selbst mit an erkennenswerter Bescheidenheit nennt, zugute halten: Er ist unter seinen kandidierenden Kollegen entschieden die interessanteste Erscheinung. Schade, daß sich bisher noch kein Verleger gefunden hat, der ihn zur Veröffentlichung seiner Memoiren angeregt hätte.

So um die Jahrhundertwende herum begann Gustav Nagels umwälzende Tätigkeit. Zuerst fiel er den staunenden Berlinern auf, als er, bloßfüßig, mit einem wallenden weißen Hemd bekleidet, mitten durch das dichteste Verkehrsgewühl, mit der Straßenbahn um die Wette lief. Es dauerte nicht lange, und die Zeitungen begannen sich mit dem “Höhlen menschen” zu beschäftigen, der in Arendsee bei Magdeburg sein Quartier aufgeschlagen hatte. In unmittelbarer
Nähe der Straße grub Gustav Nagel eine Höhle aus, zwickte sich irgendwo ein junges weibliches Wesen aus, steckte zwei Masten mit riesigen Weißen Fahnen in den Boden und befestigte, offenbar um seine Mitmenschen besser zur Mildtätigkeit erziehen zu können, am Eingang seiner Behausung eine Sparbüchse. Zur leichteren Verbreitung seiner Lehre erfand er eine eigene Orthographie, die an Einfachheit nichts mehr zu wünschen übrig ließ.

Ein Vierteljahrhundert währte dieses Einsiedler- – besser gesagt Zweisiedlerleben; dann ging “gustaf nagel” auf die Wanderschaft. Einige Dutzend Male wurde er wegen Landstreicherei ins Kittchen gesteckt, dann landete er im Irrenhaus, und ein berühmter Professor führte ihn seinen Schülern als einen typischen Fall von Paranoia vor. Die Polizei wies ihn aus Berlin aus und der Apostel suchte nun Zuflucht bei einem Wanderzirkus. Sein Gastspiel endete damit, daß der Zirkusbesitzer gegen ihn die folgende Klage einbrachte: “Der Naturmensch gustaf nagel, welcher sich vertragsmäßig verpflichtet hat, bis Ultimo Dezember mit mir zu reisen, ist mir entlaufen…” Um sich weiteren Belästigungen zu entziehen, begab sich Gustav Nagel auf eine längere Auslandtournee. In Konstantinopel fand er eine neue Braut, eine gebürtige Wienerin.

Im Jahre 1904 heiratete das seltsame Paar. Die Gemeinde Arendsee schenkte dem Höhlenmenschen in Anbetracht seiner Verdienste um die Hebung des Fremdenverkehrs ein Stück Land. Das Hochzeitsmenü bestand, Gustav Nagels vegetarischer Lebensweise entsprechend, aus kaltem und warmem Wasser sowie Aepfeln und Marmelade. Mit der Zeit fand Frau Nagel aber, daß die asketische Kost auf ihre Linie nicht sehr günstig einwirke. Sie verließ kurzerhand die Höhle und den Gatten und fuhr nach Wien. Von hier aus betrieb sie die Scheidung, die sie damit begründete, daß Nagel an dem Kinde, das sich inzwischen auch eingestellt hatte, sonderbare Abhärtungsmethoden und Kaltwasserkuren betreibe, mit denen sie nicht einverstanden sei. Ueberdies sei ihr Gatte, der Apostel, Vegetarier und Naturmensch, ein unglaublicher Verschwender. Seine Einkünfte, die sich auf 1500 Mark monatlich beliefen, habe er restlos vergeudet und sich für das Geld eine Kontrollkasse, ein Klavier und ein Billard angeschafft.

Die Gattin und die Gläubiger setzten Nagel hart zu und so griff er wieder zum Wanderstabe. In einem Walde ließ er sich neuerlich nieder, und natürlich war bald wieder auch eine neue Braut zur Stelle. Nach zwei Jahren gab er auch dieser den Laufpaß und erschien in Chemnitz, wo er mit einem anderen Mädchen eine zweite Ehe einging. Die Hochzeit fand angesichts einer riesigen, nach Tausenden zählenden Menschenmenge statt, die der ungewöhnlichen Zeremonie mit großem Ergötzen folgte.

Eine Zeitlang blieb Gustav Nagel dann verschollen, bis er im Jahre 1924 wieder auftauchte — diesmal als Politiker. Er gründete eine “deutsch-kristliche mittelstands-folkspartei” und kandidierte für den Reichstag. In zehn Punkten gab er dem aufhorchenden Volke sein Programm kund und zu wissen. Da hieß es unter anderem: “folkstum und reichsgottestum mus parallellaufend hand in hand gen.” “di ehe ist lebensunterfand, den di liebe ist in der ehe heilig, außerhalb der ehe aber sünde”, weiters verlangt Gustav Nagel Abgabenfreiheit des “austauschhandelsferkers” und zum Schluß erklärt er: “der geist gottes treibt mich mit flügeln der inbrunst, daß ich für die deutsch-kristliche mittelstands-folkspartei kandidire; damit am deutschen wesen die welt kan genesen; dazu got mir helfe, amen, got befolen, gustaf nagel, wanderprediger und tempelwächter von gottes gnaden.”

Zum großen Leidwesen seiner Gemeinde fiel Nagel mit seiner Kandidatur durch. Einige Monate später hieß es plötzlich, er sei tot. Die Zeitungen widmeten ihm spaltenlange Nekrologe, und nachdem auf diese Weise genügend Reklame für ihn gemacht worden war, tauchte der Apostel wieder frisch und pumperlgesund in der Mark auf. Er bewies seine Lebendigkeit gleich durch die Tatsache, daß er ein bildhübsches, um zwanzig Jahre jüngeres Mädchen als
Gattin Nummer soundsoviel heimführte. Das Apostelgeschäft scheint sich ganz gut rentiert zu haben, denn im Jahre 1926 erbaute sich Nagel in Arendsee eine neue “Kurhalle”, die er gleich mit einer Kundmachung verzierte, daß er auf der Suche nach einer neuen Gefährtin sei.

Nun tritt der „wanderprediger und tempelwächter” wieder einmal als Politiker in die Oeffentlichkeit. Er ist auf seine Wahl diesmal ganz fest und behauptet, unbedingt die nötigen 60.000 Stimmen für ein Mandat aufbringen zu können. Die Zukunft wird zeigen, ob es dem Heiligen von Arendsee gelingen wird, den Reichstag um eine neue Kuriosität zu bereichern.

Maximilian Mautner

Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 68. Jahrg., 8. September 1930, Nr. 36, S.10. Online