Lotte Hattemer

Erich Mühsam bezeichnet Lotte Hattemer als das originellste Wesen der ganzen Gegend, präzisiert aber: “Ihre Originalität hat einen starken Einschlag ins Groteske, Abenteuerliche, Absurde.”1

Wobei für ihn “die ganz eigenartige Entwicklung der Lotte fast nur aus ihrer Umgebung heraus zu erklären ist und deshaln typisch ist für die Erkenntnis der Einwirkung absonderlicher Gesellschaftsumstände auf die einzelnen Glieder solcher lockeren Gemeinschaften überhaupt.”2 Ähnlich meint Emil Szyttia in seiner Chronique Scandaleuse Das Kuriositäten-Kabinett über Lotte Hattemer: “Die sympathischste, wenn auch die tragischste Entwicklung unter den Begründern des neuen Lebens hatte Lotte durchgemacht.”3

Lotte Hattemer, damals 23 Jahre alt, gehörte zu den Mitbegründerinnen des Monte Verità.

Sie kam am 24. November 1876 in Berlin zur Welt. Ihr Vater, der als Eisenbahningenieur oder auch höherer Beamter bezeichnet wird, soll in Grenchen zur Welt gekommen sein.4 Mit 17 Jahren soll sie sich mit ihrem Vater zerstritten, das elterliche Haus verlassen haben und “Magd in einer Gebetsheilanstalt” in Berlin geworden sein.5

Auf dem Monte Verità hatte sich “noch als Mitarbeiterin im Sanatorium versucht gehabt”, so Erich Mühsam, “und ‘Portiönchen ausgeteilt’, wie sie selbst sich ironisch ausdrückt, bevor sie einsah, dass in solchem Betrieb die ewige Glückseligkeit nicht zu erwerben sein”.6

Nachdem sie den Monte Verità verliess, wurde Hausdame in Florenz.7

Grohmann über Lotte Hattemer

Adolf Grohmann notiert in seinem Bericht Die Vegetarier-Ansiedelung in Ascona 1904 über die “in der Ansiedlung so viel besprochene, mir leider unbekannte Lotte”:

Bei den Genossen ruft sie zwar sehr verschiedene Gefühle hervor in ihrer üppigen Gesundheit und Jugendkraft, durch ihre sehr grosse Freiheit des Benehmens (bei voller Sittlichkeit), ihrer Gutmüthigkeit, ihren stürmischen Freundschaftsgefühlen und äusserst lebhaftem Wesen, “sie hat den Teufel im Leib”; aber Alle achten sie, die meisten hatten sie sehr lieb.8

Ida Hofmann über Lotte Hattemer

Zwei Jahre später präzisiert Ida Hoffmann in ihrem Bericht:

Sie wie all’ jene Ansiedler, Durchzügler, und Mitarbeiter, welche Bedürfnislosigkeit zum Zwecke freiwilliger Bedürfnislosigkeit zum Zwecke freiwilliger Entbehrung des Geldes vorgeben, sind meist nur dann in der Tat bedürfnislos, wenn der Mangel an Geld sie dazu zwingt – entschiedene Trägheit und Unlust zur Arbeit, sowie Unmut über Besitzende ist ihnen eigen, sie kehren dort gerne ein, wo es was Gutes zu essen gibt und geben gerne – “sehr gerne”, haben jedoch nichts zu geben.9

Nachdem Ida Hofmann in ihrer Darstellung über von Karl Gräser und ihrer Schwester Jenny schliesst sie über Lotte Hattemer an:

Lotte Hattemer bewohnt ebenfalls ein Steinhaus asuf einsamer Höhe; es ist noch primitiver eingerichtet als das vorerwähnte – seine Umgebung ist verwahrlost, denn hier wird gar nicht gearbeitet. Lotte lebt vom Gelde ihrer Eltern und huldigt, wann möglich, dem Kommunismus. Ihr Streben geht nach Verinnerlichung durch Anschauen der Natur.10

Lotte Hattemer, so Hofmann, sei es gewesen, der Josua Klein als Theosophen auf dem Monte Verità eingeführt hätte.11 Klein hatte 1903 begonnen, in in der Nähe von Weesen am Walensee auf dem Gebiet der Gemeinde Amden, eine spirituelle Kolonie aufzubauen. Kurze Zeit hielt sich der Künstler Fidus dort auf, nachdem Klein ihm versprochen hatte, von Fidus entworfene Tempel bauen zu lassen. Bei dieser Gelegenheit, berichtet Ida Hofmann weiter: “… Lotte, [] Duss und Klein fandem sich zu engerem Austausch ihrer transzendentalen Gedankenwelt mit Franz Hartmann und Pioda, zwei Anhängern der theosophischen Lehre, in Locarno zusammen.”12

Ida Hofmann schliesst ihre Schrift mit den Sätzen:

Lotte irrte mehrere Tage mit der Absicht sich das Leben zu nehmen umher, wurde dann im Auftrage ihre herbeigeeilten Vaters gesucht, gefunden und befindet sich nun so lange im Hause meiner Schwester Lilly, bis Vater, Tochter und die ihnen wohlwollende Umgebung sich über Lotte’s zu reformierenden Lebensgang einigen.13

Und endet mit der predigtartigen Verheissung:

Wenn All-Liebe – Gott zieht in den Menschen ein, Wird Friede, wird Freude ihm beschieden sein.14

Am 19. April 1906 soll sie sich umgebracht haben. Involviert soll der Psychiater Otto Gross gewesen sein, der zu Protokoll gab:

Ich habe im Anfang des Jahres 1906 dem Fräulein Lotte Chatemmer in Ascona auf ihr Verlangen Gift gegeben, mit welchem sie Selbstmord begangen hat. Ich habe das getan, um ihr den Tod, zu dem sie absolut entschlossen war, so leicht wie möglich zu machen. Ich habe Alles, was in meiner Macht war, gethan, um sie von ihrem Entschluß, zu sterben, abzubringen.

Emil Szyttia über Lotte Hattemer

Emil Szyttia erzählt in seiner Chronique Scandaleuse Das Kuriositäten-Kabinett über Lotte Hattemer:

Sie fand das Treiben ihrer Kameraden lärmend und zog sich von den zu lauten Idealisten zurück. Lebte in einem ruinenhaften Haus. Schlief auf bloßem Stein. Aß nur rohe Wurzeln. Jede Nacht kletterte sie auf einen Berggipfel. Klaubte trockenes reisig zusammen. Legte ein großes Feuer an und siebte die Asche, wobei sie jammervoll schrie: “Mein Gott, es ist noch nicht fein genug!” Die St. Lotte von Askona endete nicht ganz so, wie es sich für eine Heilige ziemt, (die abendländischen Kirchen verbieten ja den Selbstmord nach dem Grundsatz “Gott hat es gegeben, Gott nimmt es auch”). Einmal packte Lotte der Heilige geist, und sie vergiftete sich. Man erzählt, sie habe ein Gift genommen, daß bei jedem Menschen in einigen Augenblicken wirkte; bei ihr dauerte es aber zweieinhalb Tage, bis sie starb.
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Literatur

Ulrike Voswinckel, Freie Liebe und Anarchie. Schwabing – Monte Verità, Entwürfe gegen das etablierte Leben, Mümchen 2009. Zu Lotte Hattemer insbesondere S. 51f.
von

Links

Santa Lotta von Ascona. Die Einsiedlerin Lotte Hattemer, Dokumentation von Hermann Müller

Lotte Hattemer, Informationen auf der Website von Raimund Dehmlow.

  1. S. 50f. []
  2. Ebda., S. 52 []
  3. Emil Szyttia, Das Kuriositäten-Kabinett. Begegnungen mit seltsamen Begebenheiten, Landstreichern, Verbrechern, Artisten, religiös Wahnsinnigen, sexuellen Merkwürdigkeiten, Sozialdemokraten, Syndikalisten, Kommunisten, Anarchisten, Politikern und Künstlern, Konstanz 1923, S. 92. []
  4. Lotte Hattemer, Informationen auf der Website von Raimund Dehmlow. []
  5. Adolf Grohmann, Die Vegetarier-Ansiedelung in Ascona und die sogenannten Naturmenschen im Tessin, [Halle] 1904, S. 44. []
  6. S. 50. []
  7. Ida Hofmann, S. 78. []
  8. Adolf Grohmann, Die Vegetarier-Ansiedelung in Ascona und die sogenannten Naturmenschen im Tessin, [Halle] 1904, S. 44. []
  9. S. 78. []
  10. S. 89. []
  11. S. 31. []
  12. Ebda., S. 31f. []
  13. Ida Hofmann, S. 97. []
  14. Ebda. []
  15. Emil Szytti, S. 92. []