Eine Einführung

Eine Einführung in Otto Borngräbers Mysterium “Die ersten Mensehen” zur Aufführung im Stadttheater am 21. Oktober 1921.

Ein titanisches Problem, eine Urwelt voll reiner Wildheit und wilder Reinheit — das ist Borngräbers Mysterium “Die ersten Menschen”. Es ist ein Traum von Urwelt — und Urmenschbildern, und durch diese Uranfangswelt stürmt ein dramatisches Temperament, ein Stück Religion.

Wir sehen die vier ersten Menschen, Adam, Eva, Kain und Abel in wildchaotischem Ringen mit dem erotischen Moment, das teils unbewußt ahnend, teils
bewußt dahinstürmend, widerstandslos, mächtig ihnen zum Schicksal wird. Es ist nicht die Tragödie eines Einzelnen, es ist die Tragödie der Menschheit,
welche uns Borngräber entrollt.

Der biblische Stoff, der dem Ganzen als Grundlage dient, ist mit einer Kühnheit behandelt, die grotesk anmuten könnte, wenn nicht ein so heiliger
Enrnst über allem waltete. In das unbewußte Dahindämmern der ersten Menschen fällt, wie ein leuchtender Strahl, das Ahnen des Gottesgedankens, der in
der phantastischen Jünglingsseele Abels entsteht. Mit prothetisch[sic!]-seherischem Geist weiß er die anderen mitzureißen, sie diesem Gottgedanken nahe zu bringen, zugleich mit ihm aber taucht zum erstenmal der Gedanke an den Tod, an das Vergängliche allen Seins auf. “Menschen müssen sterben für Gott!” Selbst der finstere, sich gegen den Gottesgedanken auflehnende Kain wird mitgerissen. Schon glaubt Abel den Brmder zur Höhe feines “lebendigen Gottes” emporgezogen zu haben, da tritt zwischen Beide das erotische Moment. Das bisher reine, nur nach Schönheit dürstende, schwärmerische Empfinden Abels für seine Mutter wird von Kain, der von einer Leidenschaft für Eva entflammt ist, anders ausgelegt, und seinen Bruder für den Begünstigten haltend, verübt
er die erste grauenvolle Tat — den Brudermord. Der erste Träger des Gottesgedankens fällt für seinen Gott.

C. H. Coueté

Libausche Zeitung, 98. Jahrg., 19. Oktober 1921, Nr. 236, S. 3. Online