Theodor Stern

Theodor Stern war von 1893 bis 1899 als Pfarrer in Köniz im Kanton Bern tätig. Jahrelang von Krankheiten geplagt, begann er im Wald Luft- und Sonnenbäder zu nehmen, was zum Verlust seiner Stelle geführt haben soll. In der Folge gründete er 1902 das Kurhaus Waidberg in Zürich.

Zum Teil unter dem Pseudonym Konrad Wahr veröffentlichte Stern Bücher und Artikel zur Naturheilkunde. Zudem war er Redaktor der Zeitschrift Die Gesundheit. Diese erschien seit Mitte 1900 mit dem Untertitel “Ein Wegweiser für das Volk in gesunden und kranken Tagen” als “Schweizerisches Organ für Naturheilkunde und Antivivisektion”.

1910 wurde Stern von der reformierten Kirchgemeinde Derendingen zum Pfarrer gewählt, wo er sein Amt vier Jahre lang versah.

1929 gründete Stern eine Einzelfirma zum Handel von Pfarrer Stern’s Feigenkaffee.1

1933 wurde er vom Regierungsrat des Kantons Bern zum Berzirkshelfer der reformierten Kirchgemeinde Langenthal gewählt.2 Im gleichen Jahr übernahm seine Frau Anny seine Firma.3

Als Berzirkshelfer war Stern bis 1939 tätig. Seinen Ruhestand verbrachte er zuerst in Langnau, dann in Solothurn, wo er am 13. März 1943 starb.4

Kurhaus Waidberg

Das Kurhaus Waidberg in Zürich, das Stern 1902 gründete, gehört zu den frühesten Einrichtungen im Umfeld der Lebensreform-Bewegung in der Schweiz. Geschätzt wurde es insbesondere für seine Luft- und Sonnenbäder. Das Kurhaus stellt zudem eine Art städtisches Pendant zum Monte Verità dar. Zumal auch persönliche Kontakte zwischen Stern und den Besitzern des Monte Verità bestanden.

Die Zürcher Wochen-Chronik vermerkte 1903 zum Angebot des Kurhauses:

Auf dem Waidberg bei Wipkingen sind für Herren und Damen Luft- und Sonnenbäder geöffnet. Es werden auch Steinstoßen, Gerwerfen, Bogenschießen, Uebungen mit Hanteln, Erdarbeiten und dergleichen veranstaltet. Man kann Abonnemente lösen: für zehn ganze Tage oder für zehn halbe Tage oder auch Tageskarten für halbe und ganze Tage.5

1905 wurde eine Heilanstalt eingerichtet. Die Zürcherische Freitagszeitung hält dazu fest;

Das von Herrn a. Pfarrer Th. Stern gegründete und betriebene Kurhaus Waidberg bei Zürich (oberhalb Wipkingen herrlich im Walde gelegen), dessen öffentliche Luftbäder und Spielplätze auch von der Stadt aus viel besucht werden, war bisher nur Erholungsbedürftigen geöffnet. Seit 1. Mai dieses Jahres ist es jedoch, wie wir hören, zu einer eigentlichen Heilanstalt unter Leitung eines tüchtigen Arztes für physikalischdiätetisches Heilverfahren erweitert worden. Außer der atmosphärischen Kur nach A. Rikli-Veldes wird das gesamte Wasserheilverfahren angewandt. 6

Versuch der Umwandlung in eine Genossenschaft

1906 versuchte Stern das Kurhaus in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Zu den Modalitäten hält die Zürcher Wochenchronik fest:

Es werden zu dem Behufe Anteilscheine zu 100 und 500 Fr. ausgegeben, die zu einem Luftbadabonnement zu 20 Coupons resp. einer Saisonkarte berechtigen, was einem Zinsfuß von 6—10% entspricht. Wer Barverzinsung vorzieht, hat Anspruch auf eine Dividende von 8%.7

Zudem wird versprochen:

Die Verbindung des Kurortes mit der Stadt soll bis zur Erstellung der projektierten Trambahn durch regelmäßige Automobilkurse erleichtert werden, und sind außerdem eine Reihe von Verbesserungen, ebenso Ausdehnung der Anstalt auf umliegende günstige Plätze in Aussicht genommen.8

Die Vegetarische Warte berichtete darüber: “Durch diese Aenderung wird es möglich werden, einerseits manche Verbesserungen einzuführen und andererseits die Preise zu ermäßigen, was gewiß viele begrüßen, die schon von dieser herrlich gelegenen Kuranstalt gehört haben und sie gern einmal besuchen möchten.”9

Wie es scheint, hat die Umwandlung in eine Genossenschaft nicht stattgefunden.

Übernahme des Betriebs

1907 wurde der Betrieb des Kurhauses von Anna und Hedwig Stoll und ihrem Vater Albert Stoll übernommen.10 Bereits 1909 wurde die Firma A. & H. Stoll, die sie zu diesem Zweck gegründet hatten, aufgelöst.11

1921 wurde der Betrieb in eine alkoholfreie Sommerwirtschaft umgewandelt, 1926 in das Speiserestaurant “Waidberg”. Die Lufthütten wurden 1922 bis 1935 abgebrochen.

Das Kurhaus erlangte über die Schweiz hinaus einige Bekanntheit, nachdem der FKK-Ideologe Richard Ungewitter es in seiner programmatischen Schrift Nackt als fortschrittliche Einrichtung rühmte. Ungewitter schreibt:

Gemeinsam Lichtluftbäder werden schon seit Jahren in der Kuranstalt Waidberg bei Zürich genommen. Dort ist es sogar üblich, dass die Kurgäste in der Luftbadtracht stundenweise Spaziergänge ausserhalb der Anstalt machen, woran sich die umliegenden Dorfbewohner schon lange nicht mehr kehren, da sie es gewöhnt sind.12

Stern und der Monte Verità

Im Sommer 1903 oder 1904 besuchten Ida Hofmann und Henri Oedenkoven ihn in Zürich. Ida Hofmann schreibt über den Waidberg, “wo wir endlich einer praktischen Durchführung unserer Ideale näher rücken”:

Pfarrer Stern hat auf luftiger und waldiger Höhe oberhalb Zürich einen sehr reizvollen Lichtlufthain angelegt – auf einer grossen Wiese, nur durch dichten Tannenwald von aussen abgeschlossen, tummeln sich nackte Männergestalten und Frauen in luftigen Hemden – sie jagen Bällen nach; es ist gerade Sonntag und viele Züricher schliessen sich für den ganzen oder halben Tag diesem idyllischen Leben an; wir lernen angenehme und weitvolle Menschen kennen und die Trennung fällt uns schwer.13

Stern besuchte den Monte Verità ein erstes Mal 1905. Ein weiterer Besuch folgte im August 1907. Nachgewiesen ist auch sein Besuch im August 1907. (Locarno et ses Environs. Fremdenblatt mit offizieller Fremdenliste. Visitors’ Journal and Official List, Nr. 32, 17. August 1907.)

Literatur

  • Bernd Wedemeyer-Kolwe, “Der neue Mensch”. Körperkultur im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, Würzburg, 2004. Zu “Konrad Wahr” S. 244.
  • Sabina Roth, “Im Streit um Heilwissen. Zürcher Naturheilvereine anfangs des 20. Jahrhunderts”, in: Geselligkeit, Sozietäten und Vereine / Sociabilité et fairs associatifs [Schweizerische Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Heft 9], Zürich 1991, S. 111-137. Zu Stern insbesondere S. 121.
  • “† Theodor Stern”, in: Die Tat, 8. Jahrg., 18. März 1943. Nr. 66, S. 10 Online: † Theodor Stern.
  1. Schweizerisches Handelsamtsblatt, 47. Jahrg., 21. März 1929, Nr. 67, S. 582. Online []
  2. Bericht über die Staatsverwaltung des Kantons Bern. 1933, Bern 1934, S. 50. Online []
  3. Schweizerisches Handelsamtsblatt, 51. Jahrg., 28. Juli 1933, Nr. 174, S. 1838. Online []
  4. “Gedenktafel für das Jahr 1942/1943”, in: Historischer Kalender oder Der hinkende Bot, 217. Jahrg., 1944, S. 81. Online []
  5. Zürcher Wochen-Chronik, 25. Juli 1903, Nr. 30, S. 234-235 (Online). []
  6. Zürcherische Freitagszeitung, 2. Juni 1905, Nr. 22, S. 2 (Online). []
  7. Zürcher Wochenchronik, 7. April 1906, Nr. 14, S. 108 (Online). []
  8. Ebda. []
  9. Vegetarische Warte, 39. Jahrg., 18. April 1906, Nr. 8, S. 91. []
  10. Vgl. Schweizerisches Handelsamtsblatt, 25. Jahrg. 23. September 1907, Nr. 237. []
  11. Schweizerisches Handelsamtsblatt, 27. Jahrg., 2. April 1909, Nr. 81, S. 570 (Online). []
  12. Nackt. Eine kritische Studie. Verlag Rich. Ungewitter, Stuttgart 1909, S. 113. []
  13. Hofmann, Monte Verità. Wahrheit ohne Dichtung, S. 65. []