Wilhelmine Adamovich

Aus zu weiter Tiefe der Gesellschaft

Besuch Wilhelmine Wöflings in der 'Naturmenschenkolonie' in Ascona. Kleines Bild: Villa Wölfling in Zug. Wiener Bilder, 1907.

Besuch Wilhelmine Wöflings in der 'Naturmenschenkolonie' in Ascona. Kleines Bild: Villa Wölfling in Zug. Wiener Bilder, 1907.

Zusammengefasst wird die „Wölfling-Sache“ auch im Artikel Das Ende eines Herzensromans, der Anfang Januar 1907 in der Illustrierten Wiener Bilder erschienen ist.1 Die Moral der wahren Geschichte:

So endigt in nüchternster Prosa der Liebesroman eines Prinzen mit einem Mädchen aus dem Volke, das sich der Hochgeborene allerdings aus zu weiter Tiefe der Gesellschaft ausgewählt hatte. Es gibt eben Kulturstufen, welche auch die leidenschaftlichste Liebe nicht zu überbrücken vermag….2

Der Grund für die im Beitrag angekündigte Scheidung des Paars sei der unüberbrückbare Gegensatz zwischen der „Geisteskultur des hochgebildeten Leopold Wölfling“ und der „geistigen Armut“ seiner Frau. Und der Artikel führt aus:

Vergebens bemühte sich Wöfling, das geistige Niveau seiner Lebensgefährtin zu heben und durch Erziehung und Belehrung auf die geistige Entwicklung der Frau einzuwirken. Mit Mühe brachte er ihr die Kunst bei, zu schreiben. Frau Wölfling hatte kein Interesse für die wissenschaftlichen Bestrebungen ihres Mannes, sondern lediglich für die bescheidenen Bedürfnisse ihres Heims. Sie verminderte diese Bedürfnisse noch durch ihre fanatische Neigung zum Vegetarianismus.3

Wobei über die „Kolonie der Naturmenschen“ vergleichsweise nüchtern berichtet wird:

Im Tessiner Kanton bei Ascona hatte sich die Kolonie der Naturmenschen niedergelassen, welche große Anziehungskraft auf Frau Wölfling ausübte. Die Leute leben in Lehmhütten oder in Höhlen, welche tief in den Boden hineingegraben werden. Im Sommer bildet ein Feld das Wohnhaus dieser Familien, welche von der Kantonalregierung des Tessin die Erlaubnis zur Ansiedlung erhalten haben. Mehrere Familien leben hier das Leben von Naturmenschen. Da sie nichts Böses stiften, ehrlich sind und friedlich leben, läßt die Kantonalregierung sie ungestört ihr „Naturleben“ führen. Die Leute ziehen kaum Kleidung an und die wenigen Fetzen, welche sie am Leibe haben, um ihre Blößen zu bedecken, haben sie selbst hergestellt.4

Jedoch wird die Anspruchslosigkeit in Bezug auf die menschlichen Grundbedürfnissen Ernährung, Kleidung und Unterkunft als Ausdruk einer niederen Kulturstufe verstanden, wenn darauf hingewiesen wird: „Wölfling fügte sich insofern, als er sich mit der Pflanzennahrung begnügte, aber er leistete energischen Widerstand gegenüber den Versuchen, ihn auf das Niveau der Naturmenschen hinabzuziehen.“5 Die Anziehungskraft der „naturgemässen Lebensweise“ wiederum wird nicht nur mit fehlender Intelligenz und Bildung in Verbindung gebracht, sondern kann wohl als Folge davon zur Obsession führen, wie weiter festgehalten wird: „Seine Beziehungen zu seiner Frau wurden immer unerträglicher, da die Manie der Frau Wölfling in förmlichen Fanatismus ausgeartet war.6

Dabei wird Wöflings Frau durchaus Verständnis entgegengebracht, wenn ihre soziale Situation nicht bloss als durch das Schicksal bestimmte Erklärung herangezogen wird. So ist dem Artikel auch zu entnehmen:

Frau Adamovich-Wölfling ist bekanntlich die Tochter eines Postbeamten, der einen kleinen Gehalt bezog und mit zahlreicher Familie gesegnet war. Sie hatte ihre Mutter früh verloren und mußte, ohne vorher eine besondere Ausbildung genossen zu haben, das Vaterhaus verlassen und sich nach einem Lebenserwerb umsehen. So kam sie in jungen Jahren in dienende Stellung. In Osmütz nahm sie hierauf eine Stelle als Kassierin in einem kleinen Kaffeehause an, dann kam sie nach Wien und hier hat sie Leopold Wölfling, der damalige Erzherzog Leopold, kennen gelernt.7

Wilhelmine Wöfling-Adamovics Memoiren

Der Sichtweise der „geististen Armut“ von Wilhelmine Wöfling-Adamovic widersprechen ihre Memoiren, die 1908 von Josef Schmall herausgegeben wurden.8 Zum Beweis, dass sie keine Mühe mit dem Schreiben bekunden würde und ihre Biographie selbst verfasst habe, enthält das Buch verschiedene Faksimiles der handschriftlichen Aufzeichnungen. Zudem weist Schmall in seiner Einleitung darauf hin, dass dieses jederzeit beim Verlag eingesehen werden könnten.

Zur Entstehung der Buchs erklärt Schmall, Wilhelmine Wöfling-Adamovic habe auf seine Anregung ihre Erlebnisse bis zur Flucht in die Schweiz innert weniger Tage niedergeschrieben. Im Januar 1908 habe sie ihm diese mit dem Auftrag zur schleunigsten Veröffentlichung übergeben. Für die Zeit nach der Flucht hätte sie die Notwendigkeit eines zweiten Bandes geltend gemacht.

Im Buch selbst sind die Schwierigkeiten seiner Entstehung dokumentiert. So enthält das Manuskript gegen den Schluss die Aufforderung an Schmall: „Bis hierher ist das Buch fertig – ist mir nicht mehr möglich, weiter zu arbeiten -, da ich mich verausgabt habe – Sie müssen sich selbst zurechtfinden, wenn Sie weiterarbeiten wollen.“

Notiz von Wilhelmine Wölfling-Adamovic: 'Ich brauche der grössten Schonung, wenn ich mich nicht selbst töten will – ich schrieb wie eine Rasende – warum? -'

Notiz von Wilhelmine Wölfling-Adamovic: 'Ich brauche der grössten Schonung, wenn ich mich nicht selbst töten will – ich schrieb wie eine Rasende – warum? -'

Josef Schmall kam der Aufforderung von Wilhelmine Wöfling-Adamovic nach und schloss ihre Memoiren mit einigen Bemerkungen zur vieldiskutierten „Wölfling-Sache“ ab.

Im Zusammenhang mit dem Thema Vegetarismus gibt Schmall ein Telegramm von Leopold Wölfling wider, das am 8. März 1908 in der Wiener „Zeit“ erschienen war:

Es ist also eingetroffen, was vorauszusehen war. Ihre beste Freundin, eine ebenso extreme Vegetarierin die die gleichen Ideen verfolgt, endete ebenfalls im Irrenhaus.

Je mehr sie infolge des übertriebenen Vegetarismus – einer wahren Hungerkur – abmagerte, desto durchgeistigter und ihrem Ideal näher kam sie sich vor. Sie sagte schon vor Jahren, sie sei bestimmt, die Welt zu erlösen, sie sei die Muttergottes, sie werde ein Kind zur Welt bringen auf geistigem, nicht auf dem schmutzigen Wege der Ehe. Sie werde dereinst auftreten und predigen und Bücher schreiben, und alle Menschen werden sie bewundern müssen. Alle Kultur müsse abgeschafft und der Mensch müsse zum Naturzustand zurückgebracht werden. Sie werden begreifen, daß ich unter diesen Umständen um mein Leben fürchtete.9

Dem entgegnet Schmall scharf:

An Frau Wöflings extremem Vegetarismus trägt allein Herr Leopold Wölfling Schuld. Er ist es, der sie nach Ascona gebracht hat. Er war es, der gar so sehr für das Leben dort schwärmte. Herr Wölfling war es, der in Przemysl den ersten Vegetarier und Naturapostel ins Haus brachte. Herr Wölfling war es, der sich im bayerischen Hochgebirge die Duzzihütte baute. Und Herr Wöfling war es, der in dieser Einsamkeit – ganz außerhalb der Kultur – einfach mit seiner Frau allein – in Ruhe und Frieden leben wollte.10

„Geheimwissenschaften“ und der „schwarzen Magie“

Auch mit den in Ascona parktizierten „Geheimwissenschaften“ und der „schwarzen Magie“, die kein selten gehörtes Wort sei, setzt sich Josef Schmall auseinander. Dabei nimmt er Wilhelmine Wöfling-Adamovic in Schutz:

Frau Wölfling und ihr Mann huldigten mit Vorliebe der Chiromantie. Es ist kein Ort von all ihren Reisen zu verzeichnen, wo sie nicht auch ihre Chiromantin gehabt hätten. Fast jeden Tag bekam ich von ihr zu hören:

„Diese Chiromantin hat mir dies – jene wieder dies gesagt, und so muß es auch sein und werden!“

Die Chiromantie ist entschieden eine höchst gefährliche Spielerei, die dem, der ihr auf Treu und Glauben verfällt, unbedingt all seines eigenen Willens beraubt – und er wird zum vollständigen Sklaven der Wahrsagerin!

Ihr Mann ist also auch an diesem traurigen Kapitel schuld – er hätte Mann genug sein sollen, diesen weibischen Einflüsterungen logisch entgegen zu treten – aber woher diese Logik – wenn er selbst dort seine Zukunft suchte?!11

Die dummen Karten wollen / Oft garnicht wie sie sollen, / Sie melden schlimme Sachen! / Was ist dabei zu machen? (Ansichtskarte, undatiert.)

Die dummen Karten wollen / Oft garnicht wie sie sollen, / Sie melden schlimme Sachen! / Was ist dabei zu machen? (Ansichtskarte, undatiert.)

Dass durchaus Bedenken gegenüber der Wahrsagerei entgegengebracht werden konnten, zeigt die dramatische Meldung Durch eine Wahrsagerin in den Tod getrieben, die am 1. März 1908 in der Wiener Tageszeitung Die Neue Zeitung erschienen und im Folgenden vollständig wiedergegeben ist:

Im Atelier ihres Geliebten, das [des] Malers Walter am Schöneberger Ufer in Berlin, hat sich die 21jährige Ballettänzerin Auguste Reitzenstein nach vorausgegangenem Streit eine Kugel ins Herz gejagt. Tödlich getroffen, sank das junge, aus Osseg in Böhmen stammende Mädchen zu Boden und starb, bevor noch ärztliche Hilfe herbeigerufen werden konnte. Die Leiche wurde dem Schauhause zugeführt und die in Oestereich lebenden Angehörigen von dem traurigen Vorfall in Kenntnis gesetzt. Ueber die Vorgeschichte der Affaire werden uns folgende Mitteilungen gemacht: Vor etwa zwei Jahren war Auguste Reitzenstein aus Wien, wo sie beim Ballett eines mittleren Theaters beschäftigt war, nach Berlin gekommen und hatte hier den Maler W. kennen gelernt. Aus der flüchtigen Bekanntschaft wurde bald ein Liebesverhältnis, das allerdings durch heftige Auftritte häufig getrübt wurde, weil die Tänzerin sehr eifersüchtig war und argwöhnte, daß der Maler sie mit einer anderen hintergehe. Diese Einbildung beruhte, wie jetzt festgestellt ist, im wesentlichen auf den Prophezeiungen einer Wahrsagerin, die dem Mädchen geweissagt hatte, es werde sich vor seinem 23. Lebensjahre erschießen. Diesem Gedanken ging die Eifersüchtige um so mehr nach, als sie glaubte, daß auch andere Wahrsagungen an ihr schon in Erfüllung gegangen seien. Mit dem Revolver fuhr sie zuletzt jeden Tag nach Halensee, um sich im Schießen zu üben. Vor einigen Tagen fragte sie eine Wohnungsgenossin, was wohl sicherer töte, ein Schuß mit Wasser oder mit einer Kugel. Gestern früh verließ Fräulein Reitzenstein ihr Zimmer ohne Angabe eines Zieles. Wenige Stunden später erhielt man die Nachricht von dem Tode des Mädchens. Es ist bisher nicht gelungen, den Namen der Wahrsagerin, die das Mädchen in den Tod getrieben hat, zu ermitteln.12

Darwinismus und Chiromantie
Die Chiromantie war um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert auch in Kreisen der Theosophie beliebt. In der Zeitschrift Sphinx etwa erschienen etliche Beiträge dazu.

Darwin als Affe: Karikatur aus 'The Hornet', 1871.

Darwin als Affe: Karikatur aus 'The Hornet', 1871.

So ist 1892 unter dem Titel Darwinismus und Chiromantie ein Beitrag eines Wilhelm von Saintgeorge erschienen (dieselbe Ausgabe enthält die Kunstbeilage Der verlorene Sohn (Lucifer) von Fidus) .13 Ausgangspunkt seiner Darlegungen ist ein Artikel des englischen Kinderartzes Louis Robinson über Abdrücke von Fuss-Sohlen von Kindern und ihren Vergleich mit den Füssen von Affen. Dabei stellt der Autor fest, dass die Linien mit zunehmendem Alter der Kinder weniger gut sichtbar sind. Und er will erkannt haben, dass je höher entwickelt die Affenart ist, desto mehr würden die Linien ihrer Fuss-Sohlen denen der Menschenkinder ähneln.

Zweck des Artikels sei, schreibt von Saintegeorge, den Darwinismus zu stützen mit der Erkenntnis, „daß der menschliche Fuß seiner entwickelten Gestaltung nach ein zum Klettern bestimmtes Glied ist, welches nur unter dem Einflusse veränderter Umstände dem Bedürfnisse des Gehens angepaßt worden ist“.14 Seinen eigenen Betrachtungen, die daran anschliessen, stellt er als Feststellung voraus:

Alle, die sich mit Chiromantie beschäftigt haben, wissen aus vielfältiger Erfahrung, daß die verschiedenen Linienzeichnungen der Hand ganz bestimmten Kausalitäten in der Individualität des betreffenden Menschen entsprechen, also sowohl seine Geburtsanlagen des Charakters und des Geistes kennzeichnen, sowie auch alle seine Lebensumstände und -schicksale erkennen lassen, soweit sie sich aus den sich an sein Wesen knüpfenden Ursächlichkeiten ergeben.15

Die Ausführungen von Robinson, bemerkt von Saintegeorge, scheinen zur Erklärung dieser Tatsache „den ganz natürlichen Schlüssel darzubieten“.16 Und er ergänzt:

Daß gewissen Charakter-Eigenschaften und Geistesstimmungen ganz bestimmte äußere Bewegungen und Gewohnheiten, namentlich auch hinsichtlich der Hand entsprechen, ist bekannt. Wo sich nun jene Eigenschaften ausbilden, werden sich auch in den Händen die entsprechenden Falten und Linien zeigen, und wo jene in der Individualität bereits ausgebildet sind, werden sie sich bei jeder Neuverkörperung derselben immer wieder zeigen.17

Dies wiederum führt von Saintgeorge zur Frage:

Sollte sich nun nicht vielleicht durch eine Vergleichung der Handlinien bei den verschiedenen Affen-Familien und bei den verschiedenen Menschenrassen und verschieden hoch entwickelten Kulturmenschen nachweisen lassen, daß sich die entsprechenden Linien, wie die „Herzlinie“ und die „Kopflinie“, erst mit der Entwickelung der geistigen Eigenschaften des Herzens und des Kopfes mehr und mehr ausgebildet haben?18

Wissenschaft und „esoterische“ Spekulation standen für die Theosophie in keinem Widerspruch. Oder er wurde ausgeblendet. Oder aber Wisschenschaft bildete wie heute in vielen Fällen immer noch die Grundlage für ein „anderes“, völlig unwissenschaftliches Weltbild.

Die Affen jedenfalls zeigten wenig Verständnis für den Vergleich. Robinson entschuldigt sich für die grossen Probleme beim Versuch, die Linien auf ihren Fuss-Sohlen genauer zu untersuchen: „In erster Linie widersetzten sich die Affen allen solchen physiologischen Versuchen mit aller Kraft […].“19

Noch eine Revolver-Geschichte

Eine Woche nach der Meldung [[Durch eine Wahrsagerin in den Tod getrieben]], am 8. März 1908, veröffentlichte Die Neue Zeitung eine weitere Revolver-Geschichte, nun im Zusammenhang mit Wilhelmine Wöfling-Adamovic (am selben Tag, an dem die Wiener Zeit ein Telegramm von Leopold Wölfling veröffentlichte, vgl. [[Herr Wöfling war es]]). Auch dieser Bericht ist im Folgenden vollständig wiedergegeben.

Frau Adamovich-Wöfling auf dem Beobachtungszimmer.

Wilhelmine Wöfling, die geschiedene Gattin Leopold Wölflings, des vormaligen Erzherzogs Leopold Ferdinand, ist seit heute abends zur Beobachtung ihres Geisteszustandes auf der psychiatrischen Klinik. Die Verfügung dieser Maßregel hat sich im eigenen Interesse der unglücklichen Frau als notwendig erwiesen, da sie in einem Zustande größter Ueberreiztheit nicht nur die Personen ihrer Umgebung bedrohte, sondern auch gegen sich selbst wüten wollte.

Vor einigen Tagen trat eine auffallende Veränderung in ihrem Wesen ein. Sie zeigte sich vor drei Tagen im Besitze eines neuen Revolvers, den sie aber erst gekauft haben mußte, und sprach wiederholt die Absicht aus, ihre Schwester, ihren Advokaten und Leopold Wölfling selbst niederzuschießen. Ihre Schwester, die bei Frau Wölfling wohnte, suchte beruhigend auf Wilhelmine einzuwirken, doch begütigende Worte des Trostes halfen nichts, ihre exaltierte Gereiztheit wurde immer ärger. So entschloß sich denn schließlich heute nachmittags ihre Schwester schweren Herzens, die Anzeige beim Polizeikommissariate Josefstadt zu machen, damit die Wahnwitzige unschädlich gemacht werde.

Ein Ringen um die Freiheit.

Als die Polizeiagenten in der Wohnung erschienen, geriet Frau Wölfling in einen Paroxismus der der Aufregung. Sie leistete ernstlichen Widerstand, wehrte sich verzweifelt mit Händen und Füßen und machte verschiedene Versuche, sich das Leben zu nehmen. Sie trachtete, zum Fenster zu kommen, um sich hinabzustürzen. Mit der größten Mühe zurückgehalten, trachtete sie, in die Nähe des geheizten Gasofens zu gelangen, um ihre Kleider in Brand zu setzen. Nach lebhaftem Kampfe vom Ofen weggezerrt, ergriff sie eine Hutnadel und wollte sich mit dieser Verletzungen beibringen. Schließlich wurde die Rettungsgesellschaft berufen. Da die Tobende nicht zu beschwichtigen war, wurde schließlich Frau Wölfling, die alle Merkmale der Tobsucht zeigte, an die Tragbahre angegurtet. Diese Maßregel hatte sofortige Wirkung. Es tra eine Beruhigung ein, Frau Wöfling brach in Tränen aus und bat, sie loszuschnallen und allein und zu Fuß zum Kommissariate gehen zu dürfen. Ihrem Wunsche wurde entsprochen, da ihre Versicherungen glaubhaft erschienen. Doch kaum vom Zwang befreit, geriet die Unglückliche abermals in die größte Aufregung und tobte und schrie und wehrte sich sich verzweifelt. Da sie wieder den Versuch gemacht hatte, zum Fenster zu eilen, um sich hinunterzustürzen, und nur mit dem Aufwand der größten Anstrengung zurückgehalten werden konnte, wurde dann die Tobende zum zweiten Male ergriffen und an die Tragbahre gegurtet. Diese Maßregel brach nun ganz den Widerstand der Unglücklichen und sie bat und flehte, sie nochmals loszugurten, sie werde schon ruhig sein und allein gehen. Man entsprach ihrem Wunsche abermals und schnallte Frau Wöfling los. Sie beruhigte sich auch diesmal wirklich und ging widerstandslos und unter riesigem Aufsehen der Hausbewohner, die die lärmenden Szenen vom Gange aus mitangehört, zum Elektromobil der Rettungsgesellschaft, das, von Hunderten umlagert, vor dem Tore hielt.

Neuerliche Tobsuchtsanfälle.

Als sie auf dem Polizeikommissariate aber hörte, daß sie auf der psychiatrischen Klinik auf ihren Geisteszustand untersucht werden solle, war sie ganz trostlos. Inzwischen war die Rettungsgesellschaft abermals verständingt worden. Das Elektromobil mit Inspektionsarzt Dr. Wagner und zwei Sanitätsdienern fuhr vor. Doch Frau Wöfling war durchaus nicht zu bewegen, einzusteigen. Sie erhob sich plötzlich, erklärte, sie wolle in eine von ihr gewählten Anstalt untergbracht werden, und machte Miene, allein fortzugehen. Man sprach ihr schleßlich so lange zu, bis sie sich doch veranlaßt fühlte, Folge zu leisten und in das Ambulanzautomobil zu steigen. Nach wenigen Minuten fuhr dieses in den Hof des Allgemeinen Krankenhauses ein und Frau Wölfling wurde auf die psychiatrische Klinik gebracht. Sie war ganz entsetzt, als sie in das Zimmer traf, das sie mit sechs bis acht zu beobachtenden Patientinnen teilen soll.20

Wilhelmine Wölfling-Adamovic (mitte) und ihre beiden Schwestern. Wiener Bilder, 1908.

Wilhelmine Wölfling-Adamovic (mitte) und ihre beiden Schwestern. Wiener Bilder, 1908.

Neben Die Neue Zeitung (vgl. [[Noch eine Revolver-Geschichte]]) berichteten auch andere Zeitungen in einer Mischung aus fast wissenschaftlichem Interesse, Sensationslust und Anteilnahme über die Einweisung von Wilhelmine Wöfling-Adamovic in die psychiatrische Klinik. Dabei werden für den ärtzlichen Befund von Wilhelmine Wöfling-Adamovic verschiedene Begriffe bemüht.

Wie Die Neue Zeitung, die von „einem Zustande größter Ueberreiztheit“ schreibt, ist im Pester Lloyd von einem „Zustande der grössten Ueberreizung“ zu lesen21. Im Prager Tagblatt dagegen heisst es, Wilhelmine Wöfling-Adamovic sei „von einer schweren Melancholie und Trübsinn befallen“22. „Hochgradiger Trübsinn und Aufregungzustände“ wiederum werden in die Neue Freie Presse und in Wiener Bilder genannt23. Die Reichspost schliesslich, die wie das Prager Tagblatt „Frau Wölfling-Adamovic – irrsinnig“ titelt, gibt „wegen gefährlichen Wahnsinnes“ als Grund für die Überführung an24

Während der „geistige“ Zustand von Wilhelmine Wöfling-Adamovic in den verschiedenen Zeitungsberichten unterschiedlich eingeschätzt oder zumindest bezeichnet wird, unterscheidet sich die Darstellung der Ereignisse, die zur Überführung in die psychiatrische Klinik geführt haben, nur in Details und durch Ergänzungen.

So meldete die Reichspost sie habe folgendes erfahren:

Schon zur Weihnachtszeit fiel den Nachbarn der Schwestern das Benehmen der Frau Wölfling auf, das immer exentrischer wurde. Es gab heftige Szenen zwischen den Schwestern und es war allgemein bekannt, daß die Frau Wöflings ihre Schwester unerträglich behandelte. Heute mittags ist bei Wilhelmine der Wahnsinn zum Ausbruche gekommen.

Nach dem dem Mittagsmahl nahm Wilhelmine Wölfling plötzlich einen scharfgeladenen Revolver aus ihrem Kleiderkasten, stellte sich zur Türe und teilte ihrer Schwester ruhig mit, daß sie nun zuerst sie und dann sich selbst erschießen wolle. Entsetzt lief die Bedrohte zum Fenster, dann aber besann sie sich und fand die Geistesgegenwart ihre irrrsinnig gewordene ältere Schwester zu täuschen. Es gelang ihr mit dem Argument: Zuerst, noch vor der Tat, müsse der Hausbesorger die Jalousien herrichten; ein Wunsch der schon öfter von Frau Wölfling geäußert worden war. Mit dem Revolver in der Hand blieb Frau Wöfling allein im Zimmer und ließ ihre Schwester fort, die sogleich zum Polizeikommissariate in der Fuhrmannsgasse um Hilfe senden ließ.25

Das Prager Tagblatt ergänt seinen Artikel mit der Vorgeschichte:

Der Beginn der Krankheit datiert seit längerer Zeit. Schon seit mehren Wochen ist ihren Schwestern das exzentrische Benehmen der Frau Wölfling aufgefallen. Sie ging nächtelang im Zimmer auf und ab, verübte mehrfach Selbstmordversuche und redete oft irre. Seit nahezu zwei Monaten lebte sie in der fixen Idee, ihre Ehe mit Leopold Wölfling sei gar nicht geschieden und auch die Wiedervermählung Wölflings sei nur erfunden um sie abzuhalten, zu ihm zurückzukehren. Sie lebte in dem Wahne, Wöfling lebe in Wien und werde gehindert zu ihr zu kommen und zw. befinde er sich in einer theosophischen Gesellschaft. Auch ihr Geist sei einmal des Nachts in diese Gesellschaft geführt worden. Sie stieß auch Drohungen aus. So drohte sie in jüngster Zeit. Sie werde diejenigen töten, die sie hindern zu Wölfling zu gehen. So schaffte sie sich gestern den Revolver an, was zu ihrer Abgabe an die Abteilung für Geisteskranke führte.26

  1. Wiener Bilder. Illustriertes Familienblatt, Nr. 1, 2. Jänner 1907, XII. Jahrgang, S. 4-5. Online: Wiener Bilder, 2. Januar 1907. []
  2. Ebda., S. 5. []
  3. Ebda., S. 4f. []
  4. Ebda., S. 5. []
  5. Ebda. []
  6. Ebda. []
  7. Ebda. []
  8. Wilhelmine Wölfling-Adamovic: Meine Memoiren. Herausgegeben von Josef Schmall. Berlin, Hermann Walther Verlagsbuchhandling G. m. b. H. 1908. []
  9. Wilhelmine Wölfling-Adamovic: Meine Memoiren. Herausgegeben von Josef Schmall. Berlin, Hermann Walther Verlagsbuchhandling G. m. b. H. 1908, S. 219. []
  10. Ebda., S. 219 f. []
  11. Wilhelmine Wölfling-Adamovic: Meine Memoiren. Herausgegeben von Josef Schmall. Berlin, Hermann Walther Verlagsbuchhandling G. m. b. H. 1908, S. 220. []
  12. Die Neue Zeitung, Nr. 60, 1: März 1908, S. 3. Online: Durch eine Wahrsagerin in den Tod getrieben. []
  13. Sphinx. Monatsschrift für Seelen- und Geistesleben. VII. Jahrg., 1892, 14. Bd., S. 222-224. Der verlorene Sohn (Lucifer) gegenüber S. 256. Online: Sphinx, 14. Bd., 1894. []
  14. Ebda., S. 222. []
  15. Ebda., S. 223. []
  16. Ebda. []
  17. Ebda., S. 224. []
  18. Ebda. []
  19. Ebda., S. 223. []
  20. Die Neue Zeitung, 8. März 1908, S. 4. Online: Frau Adamovich-Wöfling auf dem Beobachtungszimmer. []
  21. Pester Lloyd, 55. Jahrg., 8. März 1908, Nr. 60, S. 10. Online: Wilhelmine Wölfling. []
  22. Prager Tagblatt, 32. Jahrg., 8. Januar 1908, Nr. 67, S. 5. Online: Frau Wölfling-Adamovic – irrsinnig. []
  23. Neue Freie Presse, Nr. 15642, 8. März 1908, S. 15. Online: Ueberführung der Wilhelmine Wölfling auf die psychiatrische Klinik. Wiener Bilder, 13. Jahrg., 11. März 1908, Nr. 11, S. 9-10, Online: Wilhelmine Wölfling – auf der psychiatrischen Klinik. []
  24. Reichspost, 15. Jahrg., 8. März 1908, Nr. 67, S. 8, Online: Frau Wölfling-Adamovic – irrsinnig. []
  25. Reichspost, 15. Jahrg., 8. März 1908, Nr. 67, S. 8, Online: Frau Wölfling-Adamovic – irrsinnig. []
  26. Prager Tagblatt, 32. Jahrg., 8. Januar 1908, Nr. 67, S. 5. Online: Frau Wölfling-Adamovic – irrsinnig. []