Congrès Coopératif Anational

Das dreiteilige Sonnenfest am 18./19. August 1917 war Teil des [Congrès Coopératif Anational] auf dem Monte Verità bei Ascona.

Die Veranstaltung steht im Spannungsfeld verschiedener Interessen:

  • der seit 1900 praktizierten Lebenseform auf dem Monte Verità,
  • dem Tanz und Theater als Neuentdeckung und -inszenierung des Körpers (in einer Zeit des Leidens und Sterbens),
  • den Bemühungen der Friedensbewegung angesichts des Ersten Weltkriegs,
  • den Aktivitäten des geheimnisvollen Ordo Templi Orientis (O.T.O.),
  • dem Dadaismus als nicht nur Infragestellung sondern auch Pflege kultureller Werte, wie es damals in Zürich zelebriert wurde.

Gleichzeitig stellt das Sonnenfest einen Wendepunkt in der Geschichte des Monte Verità dar. Es war der Anlass oder zumindest mit ein Anlass zum Bruch zwischen Ida Hofmann und Henri Oedenkoven, in deren Besitz das Kurhaus und die Kolonie auf dem Monte Verità sich befanden, und dem Tänzer Rudolf von Laban und seiner Schule, die seit 1913 in den Sommermonaten auf dem Monte Verità waren, sowie Theodor Reuss und dem O.T.O.

Obwohl dem Sonnenfest in der Literatur zur Geschichte des Monte Verità grosse Bedeutung beigemessen wird, ist darüber nur sehr wenig bekannt, da es nur wenige Dokumente dazu gibt:

  • Von Teilnehmern und Teilnehmerinnen sowie Person, die dem Kongress oder dem Sonnenfest beigewohnt haben, sind kaum Dokumente bekannt. Eine Ausnahme bilden Briefe aus der Zeit der Tänzerin Käthe Wolf. Dagegen nehmen sowohl Rudolf von Laban in seinen Erinnerungen Ein Leben für den Tanz als auch Jakob Flach in seinem Buch Ascona erst Jahrzehnte später darauf Bezug.
  • Insbesondere vom Sonnenfest scheint es weder Photographien noch Zeichnungen usw. zu geben.
  • In der Presse scheint weder auf den Kongress noch den Anlass hingewiesen worden zu sein. Darüber berichtet wurde nur in der deutschsprachigen Tessiner Zeitung und von Hugo Ball in seinem Beitrag Ueber Okkultismus, Hieratik und andere seltsam schöne Dinge, der erst im November 1917 erschien und nur sehr allgemein den O.T.O. vorstellt und die Labanschule hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt eines Lehrinstituts betrachtet.

Einladung zum Kongress

Die Einladung zum *Congrès Coopératif Anationa* vom 15. bis 25. August 1917 erschien am 22. Januar 1917 in einem Manifest von Theodor Reuss im Namen der Hermetic Brotherhood of Light bzw. des Ordo Templis Orientis (O.T.O.) sowie von „Anational Grandlodge & Mystic Temple: Verità Mistica“. Sie richtete sich an „alle Organisationen in allen Ländern (?), die sich für den Fortschritt der Rasse basierend auf kooperativer Lebensführung einsetzen und für die Heilung der Wunden, die dieser teuflische Krieg der Menschheit zugefügt hat.“ („All those organisations in every country of this glove who stand for the advancement of the race on cooperative lines, and for the healing of the wounds which this fiendish war has inflicted on mankind are invited to send delegates to this congress.“) Ziel war die „Organisation des Wiederaufbaus der Gesellschaft basierend auf praktizierter kooperativer Lebensführung“ („organising the reconstruction of Society on practical cooperative lines“).

Die Einladung sah vor, dass alle Freimaurer die Möglichkeit haben würden, an Logen-Treffen teilzunehmen, Theosophen an Vorträgen über Thesophie und verwandte Themen und Mystiker an einer Darbietung von Aleister Crowleys Mysterienspiel The Ship.

Unterzeichnet war die Einladung von Isabelle Adderley.

Verschwörungstheorien

Im antisemitischen Machwerk Die Geheimnisse der Weisen von Zion, das vorgab, die Dokumente einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung aufzudecken, behauptet der Autor Gottfried zur Beek (eigentlich Ludwig Müller) Theodor Reuss habe über eine Tagung verschiedener Geheimbünde im Frühjahr 1917 im Tessin einem Vertrauensmann folgendes geschrieben:

Mein geheimer Zweck dieses Kongresses ist, Freimaurer, Landreformer, Vegetarier, Theosophen, Pazifisten und andere „isten“ der Überseeländer, Spaniens, Italiens, Hollands, Rußlands, Frankreichs usw. zusammen zu bringen. Um deren bis jetzt antideutsch vergiftete Mentalität in einem Deutschland wenigstens Gerechtigkeit angedeihen lassenden Sinne zu bearbeiten…. Die aufgezogene Flagge „Anationaler Cooperativer Congreß“ und die skizzierten Verhandlungs-Gegenstände sind natürlich nur Schleier, um mißtrauische Bedenken gegen die Teilnahme möglichst auszuschalten…. Deutschland sollte zwei freimaurerische Vertreter senden, die Weltmänner sind, und die „wahre“ (nicht die orthodoxe) wirkliche Geschichte der Freimaurerei und ihres geheimen politischen Wirkens kennen.1

Unklar ist, ob es sich um die Veröffentlichung einer internen Mitteillung aus dem Kreis des Autors oder eine Enthüllung handelt. Unklar ist auch, ob der Text authentisch ist.

Dass Theodor Reuss namentlich erwähnt wird, mag erstaunen, wird er einem grösseren Publikum kaum ein Begriff gewesen sein. Der Name suggeriert aber Authentizität, zudem wird die Person genannt, der scheinbar eine Schlüsselposition zukommt. Bedeutungsvoll führt Müller aus: „Der Ordens-Meister des Ordo TempIi Orientis (0. T. 0.) Fraternitas Lucis Hermetica, Theodor Reuß in Lugano, „der dem 33. Grade der Groß-Oriente von Amerika, Spanien, Ägypten, Griechenland, Mailand, Palermo, Neapel, Barie, Cuba, Portugal und Rumänien als Ehrenmitglied angehört und Großmeister des Alten utnd Primitiven Ritus der Freimaurerei in Amerika und England ist, […]“2

Im Detail treffen Hinweis und Text allerdings nicht zu. Nicht nur fand der Kongress nicht im Frühjahr 1917 statt, sondern eine Veranstaltung mit Teilnehmern aus den aufgeführten Ländern, war angesichts des Krieges schwer vorstellbar.

Im Jahr darauf nimmt Karl Heise ohne Angabe einer Quelle dieselbe Behauptung über die eigentliche Absicht des Kongresses in einer Fussnote zu einem mehrteiligen Beitrag „Okkultes Logentum“ auf, bezeichnet diesen aber als gescheitert:

Auch der Versuch von Hocbgrad-Br. Theodor Reuß, Ordensmeister des Ordo Templi Orientis, auf einem nach Lugano auf das Frühjahr 1917 einberufenen internationalen Freimaurerkongreß der von London Unabhängigen, das gesamte Logentum aus den Händen der mittelmächtefeindlichen Logengewaltigen zu befreien, muß als völlig fehlgeschlagen registriert werden.3

Und Heise hält ausdrücklich fest:

Soviel ist heute zu sagen, daß es die britisch-romanischen Logen im Weltkriege trefflich verstanden haben, in weiten deutschen Logenkreisen Schlupfwinkel für ihre Spießgesellen zu finden. Besonders in Frankfurt und in Elsaß-Lothringen hat diese Spionage eifrig geblüht.4

Allerdings lehnt Heise im Schlusswort der Artikelfolge Reuss trotz seiner Bemühungen, insbesondere aber den O.T.O. als dem „deutschen Volk“ nicht angemessen ab:

Es ergibt sich weiter die interessante Feststellung, daß gerade die „Spiritisten“ der Ententelogen die krassesten Materialisten sind, indem sie aus der Roheit ihrer psychischen Konstitution heraus alles wahrhaft Geistige in das Prokrustesbett ihres schier unglaublich engherzigen Realismuszwängen, wogegen das deutsche Volk zur spirituellen Entfaltung strebt, indem letzteres aus dem ihm inhärenten gesunden Skeptizismus heraus jenen exakten Geistesweg finden muß, der seinem Vorwärtsschreiten dienen wird zur Inflammation seiner Volksseele.

Und er führt aus:

Im Ordo Templi Orientis wird der Christusimpnls verwaschen bis zur Unkenntlichkeit, der Artus- und Gralkult wird verfälscht, die Heilige Lanze des Longmus wird „als Phallus-Lingam“ oder sexuelles Symbolum zu gänzlicher Geistlosigkeit entehrt, der Heilige Kelch wird zur Yoni oder zum Menstruationsorgan entweiht und das Kreuz ebenfalls aller Heiligkeit entkleidet, dabei aber damit brilliert, daß man ein Johanneisches Christentum verbreite, das aber, obschon es den Mitraskult an Stelle des Christusimpulses zu setzen sich müht, – selbst von den Mithrasmysterien nicht die leiseste Spur weiß. Als Haupt dieser „orientalischen Templer“ zeichnet „Carolus Albertus Theodoras Peregrinus, Souveräner Patriarch und Primat der Gnostischen Katholischen Kirche, Vicarius Salomonis und Caput Ordinis Ordo Templi Orientis“, dem unterordnet sind Souveräner Großmeister und Patriarch Jean II. Bricaud als Bischof für Frankreich, Jean Baptiste als Bischof für Rußland, B, Clement als Bischof für die Vereinigten Staaten von Amerika, während sich unter dem Pseudonym „Souveräner Patriarch Peregrinus Merlin“ jener Bruder verbirgt, der zugleich für die Schweiz das Ruder führt.5

Wenn die Äusserungen von Reuss authentisch sind, stellt sich die Frage, inwiefern auch für Laban und esine Schule die Veranstaltung „natürlich nur Schleier“ waren. Jedenfalls scheint sie zum Bruch mit dem Mont Verità geführt zu haben.

In einem Brief aus Zürich schreibt Rudolf von Laban am 14. November 1917 an seine Mutter: „Der Sommer in Monte war insofern fruchtbar, als ich mich entschloss meine bisher nur externe Tätigkeit bei verschiedenen geheimen Gesellschaften in eine interne umzuwandeln und die Stelle eines Grossrats- und Senatspräsidenten der Freimaurerei anzunehmen.“ Die Loge in Monte sei geschlossen, die dortigen Mitglieder, darunter Henri Oedenkoven und Ida Hofmann, die er als ungeeignet bezeichnet, ausgeschlossen worden. Die dortige Zentrale habe er nach Zürich verlegen lassen.6

Bemerkenswert ist, dass Laban weder den Kongress noch das Sonnenfest erwähnt.

Robert Landmann über den Kongress

Robert Landmann wertet den Kongress als Werbeveranstaltung. Er schreibt dazu:

Ende Juni 1917 fand ein vierzehntägiger Kongress auf dem Monte Verità statt, bei dem durch eine geschickte Gedankenvolte Vegetarier und Freimaurer auf gemeinsamer Basis zusammengezogen wurden. Die Kombination bezweckte, einerseits die Mitgliederschaft des Ordens zu erweitern, andererseits den Monte Verità wieder flottzumachen. Mary Wigman und Rudolf von Laban waren mit ihren Schülern Glanzpunkte der nächtlichen Feste. Aus reiner Freude am Abenteuerlichen und mit unbekümmerter Ausgelassenheit beteiligten sie sich an Aufführungen und Fackeltänzen im Freien und schließlich auch an den dunklen Zeremonien der Loge.7

  1. Die Geheimnisse der Weisen von Zion, hrsg. von Gottfried zur Beek, 4. Aufl., [Berlin-]Charlottenburg, Verl. „Auf Vorposten“, 1920, S. 165. Online: Die Geheimnisse der Weisen von Zion. []
  2. Ebda. []
  3. Zentralblatt für Okkultismus, 14. Jahrg., März 1921, Heft 9, S. 392. Online: Okkultes Logentum. Die Artikelfolge begann im 5. Heft des im November 1920 und umfasst sechs Teile, die in den folgenden Ausgaben erschienen. []
  4. Ebda. []
  5. Ebda. []
  6. Der grosse Theodor-Reuss-Reader, S. 251 []
  7. Robert Landmann: Ascona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies. Von Ursula Wiese überarbeitete und ergänzte Ausgabe, unter Mitarbeit von Doris Hasenfratz. Neu herausgegeben mit einem Nachwort versehen von Martin Dreyfuss. Frauenfeld, Stuttgart, Wien 2000. S. 172. []