Herr Pfarrer Theodor Stern in Köniz ersucht uns um den Abdruck folgender an die Redaktion des „Bund“ gerichteter Erwiderung, die von jenem Blatte zurückgewiesen worden sei. Um Herrn Stern den Weg zur Oeffentlichkeit nicht zu versperren, erfüllen wir hiermit seinen Wunsch, obwohl die Einsendung den Raum unseres Blattes über Gebühr in Anspruch nimmt. Auch können wir die Frage nicht unterdrücken, weshalb Herr Pfarrer Stern sich nicht an das ihm politisch und regiliös [sic!] näherstehende „Berner Tagblatt“ wandte. Oder hat er dies etwa gethan und hat dieses Organ für Gerechtigkeit und Wahrheit, das es mit den Aerzten nicht verderben will, etwa die Zuschrift des Herrn Stern wieder zurückgesandt? Sei dem nun, wie ihm wolle; hier ist die Einsendung:
„Geehrter Herr Redaktort Da Sie kürzlich meinen Namen öffentlich genannt („Bund“ vom Freitag den 17. Februar), werden Sie mir wohl erlauben, auch ein Wörtlein zu dem betreffenden Gegenstand zu sagen.
Das angezeigte Buch („Ueber Wasserkuren im Rahmen der wissenschaftlichen Heilkunde“) ist mir nicht bekannt – die Zahl solcher Bücher wächst ungeheuer an, doch ist mir das „wissenschaftlich“ etwas verdächtig und reizt nicht gerade meinen Appetit zum Lesen. Bekanntlich nimmt sich jetzt die Wissenschaft, weil sie nicht mehr anders kann, gütigst einiger Zweige des Naturheilverfahrens an und thut dabei, als hätte sie dieselben aufgebracht – wenigstens das Gute daran. (Zuerst ignorieren, so lang’s geht, und dann flugs sich mitten hineinsetzen, als ob man von jeher dagewesen). Thatsächlich ist im Gegenteil oft beobachtet worden, daß Mediziner, wenn sie nicht ihrer Wissenschaft völlig den Abschied gegeben und sich die Naturheilpraxis gründlich zu eigen gemacht (womit nicht gesagt sein soll, daß diese im Einzelnen nicht der Verbesserung fähig wäre) – eben in ihrer wissenschaftlichen Befangenheit z. B. mit dem Wasser, resp. mit den Patienten, darin ganz übel umgegangen und die gröbsten Böcke geschossen haben – und dadurch die Sache der Naturheilkunde nur kompromittiert. Wem es irgend um Wahrheit zu thun ist, wird zugeben, daß hier fast ausschließlich Laien Bahn gebrochen und den Weg gewiesen haben. Wenn nachher ihre Praxis wissenschaftlich begründet und denen, die einmal nur Wissenschaftliches schlucken können, mundgerecht gemacht wird, so ist ja das eine ganz hübsche Beschäftigung, aber die Sache selber ist es nicht.
Als Heilfaktor viel wichtiger als das Wasser ist übrigens Luft und Licht – der Mensch ist kein Amphibium, wohl aber ein Lichtluftgeschöpf, – Sonnenluft ist ein sein eigentliches Lebens- und darum auch sein Heilelement. Dies zuerst erkannt zu haben ist das Verdienst des genialen Berners Rikli, der seit über 30 Jahren in Veldes in Krain eine aus allen Teilen Europas besuchte Lichtluftanstalt mit mächtigen Parks etc. betreibt und die glänzendsten Erfolge aufweisen kann – nicht von Krankheitsunterdrückungen, resp. Vertreibung von Symptomen, sondern von wirklichen Heilungen des ganzen Menschen. In Deutschland haben jetzt schon kleine Städte ihre „Sonnenbadanlagen“, wo jedermann gegen geringes Entgelt die überaus wohlthätige und heilkräftige Wirkung der Sonnenstrahlen an sich erproben kann, ohne in Gefahr zu stehen, mit der Polizei in Konflikt zu kommen.
Was endlich die Serumtherapie betrifft, so braucht man allerdings durchaus nicht Anhänger der Naturheilkunde zu sein, um sie zu verwerfen – auch die Wissenschaft sieht diese Verirrung immer mehr ein. Wissenschaftlich ist das Dyphtherie-Serum eigentlich gerichtet, besonders durch die Untersuchungen der Professoren Rosenbach und Kassowitz in Wien; auch im „Korrespondenzblatt für Schweizerärzte“ ist es meines Wissens wissenschaftlich abgeführt worden. Also die Fachpresse verurteilt das Serum, nur die Tagespresse gibt sich immer noch dazu her, sein Lob zu singen – warum? Sie ist auf die von den Serumfabrikanten inserierte Reklame hineingefallen. Jeder Eingeweihte weiß, welches ausgezeichnete Geschäft mit diesem Artikel „zum Wohl der Menschheit«, nämlich der betreffenden Fabrikanten, gemacht wird.
Schließlich noch ein Wort darüber, daß es einem Laien nicht zustehe, über hygieinische [sic!] Fragen zu urteilen – ein Standpunkt, den auch Sie, geehrter Herr Redaktor, einnehmen. Das ist nichts als eine von der Zunft ersonnene und ängstlich gehütete Mähr, um das Volk in gebührende Ehrfurcht und Unterwürfigkeit zu halten und sich die gewünschte Unentbehrlichkeit und Bewegungsfreiheit zu sichern. Gerade wie der katholische Priester sich das alleinige Recht anmaßt, die Bibel zu lesen, und dort keinem Laien ein Urteil in religiösen Fragen zusteht, man dort überhaupt ein Interesse an der Unwissenheit des Volkes hat. Das ist überhaupt katholisch-mittelalterlich, diese übertriebene Unterscheidung von Laien und Fachleuten, und dieser Kastengeist ist von den übelsten Folgen. So verkriecht sich jede Wissenschaft in ihr Haus und macht da ungestört in leerem Formelkram, mitunter auch – mit Respekt zu vermelden, – die größten Dummheiten, ohne daß ihr jemand dreinreden kann; thut es aber einer doch, so begehrt sie auf: geht dich nichts an, verstehst ja nichts davon – bleib bei deinem Leisten! – Jeder soll fein hübsch bei seinem Leisten bleiben – dann, lieb Vaterland, magst ruhig sein, – es geht alles im alten Trott weiter. Nur keine Menschen, die über ihre Pfähle hinaussehen, – die sind gemeingefährlich, die öffentliche Ruhe und Sicherheit wird durch sie gestört. Und doch sind es gerade die Laien, die oft einen freieren, vorurteilsloseren Blick in manche Disciplinen hinein haben und Fehler viel rascher erkennen, weil sie weniger in Details untergehen, sondern das Ganze überschauen, und weil sie eben als Laien noch etwas anderes wissen und darum vergleichen können, was für ein richtiges Erkennen absolut erforderlich. Den Specialisten geht meist der Ueberblick verloren und damit jeder Maßstab für die Erkenntnis. Und nun erst die Heilkunde! Wenn dem gewöhnlichen Menschen nicht mehr erlaubt sein soll, darin ein Urteil zu haben, dann soll man ihm doch auch gleich seinen Leib nehmen, da man ihm schon den Verstand genommen, oder ihn lebenslang in eine Pflegeanstalt oder in eine Gaumschule stecken·
Wenn, wie oben gesagt, die wichtigsten Entdeckungen in der neuern Heilkunde von Laien gemacht wurden – warum sollten dann Laien auf diesem Gebiet nicht auch ein Urteil haben? Nein, da handelt sich’s um lauter Dinge, über die jeder vernünftige Mensch nachdenken und urteilen soll, das kann niemand anders für ihn thun. Und erst, wenn die Menschen diese schwächliche Resignation und feige Unterwürfigkeit, diese Sklavengesinnung -: „entschuldigen Sie, wir sind nämlich Laien und das sind halt arme Teufel, die wissen nichts“ – aufgegeben haben und ihre Kräfte brauchend sich ihrer freudig bewußt werden, selber zu denken und in gesunden und kranken Tagen sich selber zu behandeln anfangen – ohne daß dabei nämlich Rat und Belehrung von Besserwissenden und -Könnenden ausgeschlossen wäre – erst wenn sie so von jener unwürdigen Bevormundung sich emanzipieren und die Zunftfesseln von sich, den studiositischen Glauben über Bord werfen – erst dann wird es besser mit ihnen werden, können sie gesund werden.
Hochachtens
Köniz. 21. Februar 1899.
Th. Stern, Pfarrer
Berner Tagwacht, 22. März 1899, N. 23, S. 2-3. Online