Die Naturmenschen vom Monte Verità (Hans Schmid)

Die Naturmenschen vom Monte Verità

Eine seltsame Staffage in den Straßen von Locarno sind die „Naturmenschen“, die Leute vom Monte Veritä, dem „Berge der Wahrheit.“ Die Eingebornen achtenkaum mehr auf sie; für die Fremden aber bilden dieseSonderlinge eine drollige Sehenswürdigkeit. Es sindseltsame Kostgänger des lieben Herrgotts, Menschen auseiner andern Welt, und wer sie zum erstenmal sieht, derwird lächelnd stille stehen und „verrückt, verrückt!“ dazusagen. Die „Naturmenschen“ sind angetan mit langen,gelbgrauen Gewändern von biblischem Schnitt und ele-mentarster Schneiderkunst; die Beine sind nackt; an denFüßen tragen sie Sandalen, die bei jedem Tritte klatschen;das ganze Jammerbild auf dem nackten Untergestell aberist gekrönt von einem Christuskopfe mit wildwucherndemBart und langer Künstlermähne. Ich traf den erstendieser Naturmenschen hoch oben im Buschwald, als ich in den Monti di Orselina herumkletterte, einen langen,hageren, strohblonden Kerl, der mir dort ganz gut indie öde, wilde Natur hineinzupassen schien. So etwa mußJohannes der Täufer ausgesehen haben. Unten in denStraßen der Stadt unter anständig gekleideten Menschensind diese Gestalten Karikaturen, neben welchen sich einZigeuner oder eine Reformjungfrau als fortgeschritteneKulturmenschen ausnehmen.

Wenn man bei Solduno über die Maggiabrücke geht,so hat man gerade vor sich einen grünen Hügelrücken,der sich gegen Losone hinaufzieht. Das ist der Monte Verita , der „Berg der Wahrheit.“ Diesen Namen habenihm die Naturmenschen gegeben; der topographischen Karteist er fremd. Der Berg der Wahrheit ist das Haupt-quartier der Naturmenschen von Ascona ; dort lebt einRudel dieser Leute in einem vegetarischen Sanatoriumbei Pflanzenkost und Sonnenbädern beisammen, währendsich eine Anzahl anderer in der Umgebung als Einsiedlerniedergelassen haben zu abenteuerhaftem Jndianerleben.Ich bin einen ganzen Nachmittag in dem Revier herum-gestreift, habe durch die Palisaden in den Hof des Sana-toriums hineingeguckt und im Dickicht aus dem Bergeder Wahrheit bis gegen Ronco hin ein halbes Dutzendvon Einsiedlerhütten aufgestöbert. Dagegen ist es mirnicht gelungen, auf dem Berge der Wahrheit selbst dieWahrheit über die eigenartige Kolonie zu ergründen, dieda oben im zwanzigsten Jahrhundert am hellichten TageJndianergeschichten spielt. Erst bei einer Sonntagsfahrtnach Pallanza hatte ich auf dem Dampfer Gelegenheit, mich einem dieser Naturmenschen anzufreunden und überdas Entstehen und das Wesen der Kolonie Aufschluß zuerhalten.

Vor einigen Jahren haben etliche Deutsche, gebildeteLeute mit magerem Beutel, auf dem Monte VeritLden Grund zu einer ethisch-sozial-vegetarischen Siedelunggelegt. Die erste Niederlassung soll auch einen kleinenStich ins Kommunistische an sich getragen haben, wasallerdings vom heutigen Besitzer des Sanatoriums be-stritten wird. Die seltsamen Ansiedler kauften sich umwenig Geld einige der Häuserruinen, die im Tessin sozahlreich sind, flickten sie mit Brettern und Baumästennotdürftig aus und richteten sich häuslich ein. Das Ziel,das sie dabei im Auge hatten, war, die „Rückkehr zurNatur“, ein großes Schlagwort unserer Zeit, bis in seineäußersten Konsequenzen durchzuführen, alles abzulegen,was den modernen Menschen an die Kultur bindet undim Aufgehen in der Natur „sich selbst“ und den Friedenzu finden. Diese erste Ansiedelung ist dann aber baldausgeartet; es stellte sich nach und nach heraus, daßman selbst unter dem sonnigen Himmel des Südens vonder Sonne und von der Lust allein nicht leben kann,sintemalen in Ascona keine Kokospalmen wachsen, dieeinem genügsamen Jndianerhaushalte das ganze Jahres-budget bestreiten können. So hat dann die Kolonie vomMonte VeritL bald ein spekulatives Cachet und kapitalistischeAllüren angenommen. Aus der ersten Jdealgemeinschaftist ein „Sanatorium“ herausgewachsen, das heute wiejedes andere Kurhaus Pensionäre aufnimmt, die bei Pflanzenkost, stuft- und Sonnenbädern den Weg zur Ge-sundheit und zur Natur zurückfinden möchten. DiesesSanatorium, dessen rohgezimmerte Bretterwände von derKuppe des Monte VeritL auf die Maggiaebene Herab-schauen, ist heute auch nicht mehr gemeinsamer Besitz derKolonie, sondern Privateigentum von Herrn Henry Oeden-kowen. Herr Oedenkowen wird als hochgebildeter, geistigsehr bedeutender Mann geschildert, dem eine musikalischhochbegabte Gattin zur Seite stehe.

Seitdem die Kolonie auf dem Berge der Wahrheitzum Vegetarier-Kurhaus geworden ist, sind die ganz Kon-sequenten, die Fanatiker, der gemeinsamen Sache untreugeworden und haben sich auf eigene Faust angesiedelt,nicht bloß auf dem Monte VeritL, sondern auch auf denHöhen von Ronco und den Monti von Orselina . Dassind die Sezessionisten, die mit Achselzucken auf die Oppor-tunisten vorn Sanatorium herabsehen. Aber diese Se-zessionisten sind offenbar unter sich nichts weniger alseinig, und jeder packt das gemeinsame Problem, „zurNatur zurückzukehren“, auf seine eigene Art an. Es gibtunter ihnen anarchistelnde Sozialisten und politisch harm-lose Vegetarianer, geistig hochstehende Leute und ver-kommene Existenzen, verbissene Abstinenten und fröhlicheSäufer, die in den Pinien von Ascona mit den italienischenArbeitern im trunkenen Elend das anarchistische Caserio-Lied lallen. Dabei machen sie sich gegenseitig über ihreExtravaganzen lustig. Einige von ihnen, die Erzfanatischen,treiben ihre Grundsätze auf die äußerste Spitze; sie lebennicht bloß von Rohkost, sondern essen nur, was über der Erde wächst, also weder Kartoffeln, noch Rüben, nochSpargeln.

Die bedeutendste Persönlichkeit unter den Kolonistensei ein ehemaliger deutscher Offizier, Karl Gräser, dermit seiner Gattin sich selbst ein Haus gebaut und miteigener Händearbeit ein großes, halb verwildertes Grund-stück urbar gemacht hat. Dieses Ehepaar setzt mit starrerKonsequenz die Theorie von der „Rückkehr zur Natur“in die Praxis um, und es ist sein Stolz, alles, was zum^eben nötig ist, selbst herzustellen. Karl Gräser baut sichnicht bloß seinen Lebensunterhalt auf seinem Grund undBoden selber; er weiß sich auch all die kleinen Bedarfs-artikel des Haushaltes anzufertigen, wie es die Leutezur Pfahlbauzeit getan haben. Wenn die Eheleute Gräseraber etwas, was sie mit eigener Händearbeit nicht zustandebringen, nötig haben, so zahlen sie den Handwerker nichtmit Geld, sondern mit den Früchten ihrer Felder. Ja,man erzählt, daß Frau Gräser, die eine schöne, ausgebildeteStimme besitzt, einmal die Dienste eines Zahnarztes inLocarno habe in Anspruch nehmen müssen und daß siedabei die Operation mit dem Vortrag einiger Liederbezahlt habe. Man ist in Locarno geistreich genug, sichauf so originelle Art bezahlen zu lassen.

Dann befindet sich in der Kolonie ein „Baummensch“,der sich Obstbäume pachtet und sich von ihren Früchtennährt. Ist ein Baum abgegessen, so zieht der Mann zueinem andern; im Frühsommer wohnt er auf Kirschbäumen,später auf Birnbäumen; dann geht er zu den Pflaumenund zu den Nüssen über. Oft verschwindet er für Wochen vom Monte Berita und es heißt dann, er sei über denGotthard gegangen, zu Fuß natürlich, um in Deutschland seine Mutter zu besuchen oder in Rußland die Revolutionzu studieren. Denn ein großer Theoretiker und Welt-verbesserer, wie sie alle, ist auch der „Baummensch.“

Die originellste und extremste Figur in der Natur-menschenkolonie vom Berge der Wahrheit war die „wildeLotte.“ Als Tochter eines höhern preußischen Beamtenhat sie zu den ersten Gründern der Kolonie gehört, undjahrelang führte sie am Wege nach Ronco , südlich vonAscona , in einem windschiefen, fensterlosen Häuslein einabenteuerliches Zigeunerdasein. In dieser „wilden Lotte“hat der Drang nach der Natur den krankhaftesten Graderreicht, und dieses drollige Wesen hat alle Sünden derverfeinerten Überkultur unserer Zeit durch eine radikaleUmkehr ins halbtierische Urmenschentum abbüßen wollen.Sie soll aber dabei gestorben sein.

Wenn man diese abenteuerlichen Sonderlinge nichternst nehmen kann, so gibt es auf dem Berge der Wahrheitunbestreibar Typen, die auch einem Menschen mit fünfgesunden Sinnen Respekt abnötigen. So hat mir meinNeisekamerad aus der Fahrt nach Pallanza einen nach-haltigen Eindruck gemacht. Der Mann schien mir mitsich im klaren zu sein und eine abgeklärte Meinung zuhaben über Dinge, über die der Alltagsmensch sich kaumRechenschaft zu geben wagt. „Sehen Sie“, sagte er mirohne jede Pose und mit einem heiligen Ernst in den großenblauen Augen, „die Natur verstehen, ist alles; das gibtallein Friede, und wenn dieser erreicht ist, sieht man auf alles andere herab; sich ausleben, sich an die Natur ver-lieren, das ist allein das Wahre, und alles andere istSchwindel. Wir arbeiten nur für uns, genießen anjedem Stück Schöpferfreude, dienen niemandem und fordernkeines Menschen Dienste; wir wollen weder Herr nochKnecht sein, denn beides ist des Menschen unwürdig.“

Ich erlaubte mir die Frage, ob es denn für gebildeteMenschen, wie die Leute vom Berge der Wahrheit es fastohne Ausnahme sind, kein Verlangen mehr gebe nachden geistigen Schätzen, welche die Kulturarbeit von Jahr-tausenden der heutigen Menschheit überliefert hat, keineFreude mehr an guten Büchern und an schönen Bildern?Die prompte Antwort lautete: „Oh, das gewöhnt mansich schnell ab; was nützt mich etwas, wenn ich es inBüchern lese und nicht selbst erlebe, und warum in Bildernschauen, was man in der grünen, lebendigen Natur un-gemalt und unvermittelt haben kann?“

Aus eine Frage aber ist mir mein Mann die Antwortschuldig geblieben. Ich stellte den Satz auf, die Früchtedieser Rückkehr zur Natur müßten sich eigentlich erst aneiner neuen Generation, den Nachkommen der Leute vomMonte Verita , so recht zeigen, und ich stellte die Frage,wie sie denn die Kinder erzögen auf dem Berge der Wahr-heit? Antwort: „Kinder gibt es keine in der Kolonie,weder in den legitimen, noch in den zahlreichen freienEhen.“ Und als ich meinte, daß eine derartige Folgeder Rückkehr zur Natur unnatürlich sei und in fünfzigJahren ja der ganze Erdball aussterben müßte, wennalle Menschen sich auf diese Art „ausleben“ wollten —.

Wir waren in Pallanza angekommen. Mein Mannmit dem gelbgrauen Kaftan, dem Christuskopf und dengroßen blauen Augen fuhr weiter nach Jsola Bella, umdort zu konstatieren, wie menschliche Kunst den schönstenFleck Erde »erkünsteln kann. Ich setzte mich nachdenklichauf der Terrasse des Hotels „St. Gotthard “ in Pallanza an die Tafel, studierte mit schmunzelndem Behagen diereichhaltige Speisekarte und dankte dem Herrgott, daß erneben Rüben und Saubohnen auch Oxtail, Forellen undKapaunen gedeihen läßt aus seiner im großen und ganzendoch nicht so schlecht geratenen Welt!

Aus: Hans Schmid, Spaziergänge im Tessin, Frauenfeld 1909, S. 81-. Digitalisat


Letzte Änderung: 21. Juli 2026.