Die strenge Heidelbeere
Daß auch das Restaurant eine „moralische Anstalt“ mit erzieherischen Tendenzen sein kann, zeigt ein vegetarisches Speisehaus, das ein Herr Straskraba in Ascona im Tessn unter dem Namen „Heidelbeere“ betreibt. Auf den Speisekarten findet sich, wie man uns mitteilt, am Fuß folgende Bemerkung: „Mode-Affen, Juwelen-Pfauen, Kasten-, Titel-, Geld-, Ordens- und andere Protzen finden in der „Heidelbeere[„] keine günstigen Daseinsbedingungen. Parfümierten Wiedehopfen, Nikotin- und Alkohol-Sklaven ist der Eintritt nur in desinfiziertem Zustande gestattet.“ – Ist das human von dem strengen Wirt zur „Heidelbeere“, die armen Nikotin- und Alkohol-Sklaven ihr Ausschlußverbot erst auf der Speisekarte lesen zu lassen? Wenn ihnen ob der leckern Erbsenkoteletten und Bohnen-Rumpsteaks schon das Wasser im Munde zusammenläuft!
Lüdenscheider Tageblatt, 26. Jahrg., 14. Oktober 1912, Nr. 242, S. 3. Online