Bei den Askonesen

Es giebt sonderbare Menschen auf unserer lieben Mutter Erde, schreibt C. Dransfeld im Deutschen Hausschatz. Ich meine nicht die verschiedenen Rassen, die uns von der Schulbank her noch geläufig find und die viele von uns wohl auch schon bei dieser oder jener Gelegenheit in Figura anzustaunen Gelegenheit hatten, sondern jene unserer Mitmenschen, die infolge unserer modernen Ueberkultur das geworden find, was man schlechthin mit einem „sonderbaren Kauz“ zu bezeichnen pflegt. Und diese Menschen nehmen auch noch das Recht für sich in Anspruch, daß jeder der mit ihnen in Berührung kommt, sich zu ihren manchmal komischen Ansichten bekehren soll. Man kann ja hier und da einiges gelten lassen, was sie für gut befunden haben, und so Habe ich es
auch bei den Askonesen gemacht.

Als ich in Locarno, dem schweizerischen Nizza, weilte, bemerkte ich eines Morgens bei Anlaß eines Marktes sonderbar gekleidete Gestalten. Männer und Frauen, die dort ihre Einkäufe machten. Die Männer trugen langes Haar ohne Kopfbedeckung, gestrickte Beinkleider und Jacken, als Fußbekleidllng Sandalen, die Frauen meist kurzgeschorenes Haar, einen Kleiderrock a la Reform mit Gürtel, ebenfalls Sandalen et voila tout. Von Strümpfen habe ich bei beiden nichts bemerkt. Diese Menschen schienen mir auf den ersten Blick von einem eigenen Schlage zu sein, ich erkundigte mich und erfubr, daß ich hier Askonesen, die Bewohner von Monte Verita vor mir hatte. Mir kam sofort die schöne Adamowitsch in den Sinn, die gewesene Gattin Leopold Wölflings, die auch zu den Askonesen ging und um derentwillen der frühere Erzherzog von Oesterreich sich von seiner Gattin getrennt habe soll. Bei dieser Gelegenheit wurde über diese Naturmenschen vieles geschrieben, Wahres aber noch mehr Unwahres. Manche haben damals über Askona geschrieben, die in Askona und auf Monte Verita nie gewesen sind. Hier lohnte es sich wohl, der Sache etwas nachzugehen und diese sonderbaren Menschen an Ort und Stelle zu studieren.

Es war ein sonniger Nachinittag, der dunkelblaue Lago Maggiore lag glatt wie ein Spiegel, als ich auf der „Regina Madre“ nach Askona fuhr. Askona ist ein echt italienisches Dorf mit all seinen südlichen Schönheiten, aber auch mit der alle abstoßenden
Unsauberkeit. Diefes Dorf hat den Naturmenschen, die in der Nähe auf dem Monte Verita hausen, ihren Namen gegeben. Der Monte Verita steigt direkt hinter dem Landeplatz der Dampfschiffe an, ist geschützt gegen Nordwinde und für eine derartige Kolonie wie geschaffen.

Im Schweiße unseres Angesichtes steigen wir über das holperige Pflaster durch die engen Straßen Askonas dem Monte Verita zu. Manches Straßenidyll und dolce far niente ließe sich hier beschreiben, aber das war ja nicht unsere Absicht. Eben haben wir die letzten Steinhäuser Askonas hinter uns, so nehmen uns Weinberge auf, der Weg wird noch holperiger und steiler. Wir rasten
hin und wieder auf einem Granitblock, und schließlich hat die Sonne auch Einsehen, sie verbirgt sich hinter Wolken und eine kühle Brise weht über Berg und See. Als wir wieder bei einem stallähnliche Steinhause rasten, frappiert uns ein Schild „Gemäldesammlun“ in ziemlich ungelenken Zügen. das auch noch etwas windschief an dem noch windschieferen Hause hing. Hier hatten wir kein „Museum“ erwartet, und als wir etwas Umschau hatlen, bemerken wir einen Kolonisten, der in dem bereits
obenerwähnten Anzuge in einem kleinen Garten arbeitete, in dem er seine Gemüse zog. Auf unsern Zuruf kam er näher, rothe Pfirsichblüthen lagen in dem langen Haar. Der Kolonist war ein Deutscher und wir erklärten ihm. das Museum besichtigen zu wollen. Gegen einen Obolus von 50 Centesimi öffnete sich die sonderbar beschlagene Thüre, die das „Heiligthum“ vor den neugierigen Blicken Unberufener und Spötter schützte. Man sah ans den ersten Blick, hier war überall der Dilettant an der Arbeit gewesen, der Dilettant vom reinstem Wasser. Grelle Farbenwirkung und möglichst korrekte Linienführung war stets die ausgesprochene Tendenz, dabei merkte man immer wieder die Unsicherheit, die Hand hatte offenbar dem Willen des „Künstlers“ nicht gehorchen wollen. Unter den zwölf bis fünfzehn verschiedenen Bildern – mehr find’s nicht – die alle in einem sonderbaren Rahmen dort prangen, befindet sich eigentlich nur eines mit einer ausgesprochenen Idee. Es soll das Werden des Menschen symbolisch darstellen. Wir sehen die vier Lebensalter in einer baumreichen Gegend (Paradies?) in dem Kostüm, in dem sie Gott erschaffen hat, echte Naturnmenschen vom Scheitel bis zur Sohle, die Vorbilder der Askonesen.

In einer Ecke steht eine künstlich sein sollende Schmiedearbeit, die Einrichtung einer Schmiede darstellend. Bei dieser Geduldsarbeit muß unbedingt die Langeweile zu Gevatter gestanden sein, sonst wäre ein solches Diminutiv einfach nicht möglich. Wir danken dem freundlichen Führer für seine originellen Erklärungen und wenden dem sonderbarsten Museum, das wohl die Welt hat, den Rücken. Der Kolonist kehrt zu seinem Gemüse zurück und wir wandern weiter, den Berg hinan.

Auf Umwegen gelangt man schließlich zum Portierhäuschen, einer simplen Holzbaracke, in der ein Engländer hauste. Wieder muß man hier einen Obolus von einer Lire fünfzig Centesimi zahlen und bekommt dafür einen Passepartout.

Das eigentliche Sanatorium ist ein niedriger Saalbau. Beim Eintritt wird man von einer stets anwesenden Dame belehrt, daß das Rauchen verboten ist, die Askonesen rauchen nämlich nicht. In der großen, sehr einfach ausgestatteten Halle saßen gerade vier Vertreterinnen des schwachen Geschlechtes um einen kleinen Ofen, in dem an kühlen Tagen ein Holzfeuer unterhalten wird, hauptsächlich für Neulinge, die noch nicht genügend abgehärtet sind. Die eine der Damen strickte an einer für die Männer bestimmten Jacke, die anderen flochten kleine Weidekörbchen, wie sie die Kinder zum Beerensanmmeln gebrau eben. Rechts in einem Verschlage stand eine moderne Strickmaschine, links war eine kleine Bibliothek untergebracht, in der sich auch einige englische und deutsche Klassiker befanden.

Daß die Askonesen aber auch mit ihrem System bereits gute Erfolge erreicht haben, beweist eine Tabelle an der Wand, auf der man sehen kann, wie Mitglieder der Kolonie bei Wettläufen, Turnen usw. vielfach erste Preise errungen haben. Auf das System wollen wir unten näher eingehen. Einfach ist die ganze Ausstattung des Sanatoriums, man verschmäht alles, was der Verweichlichung Vorschub leistet.

Hier muß ich etwas einschalten, um eine weitverbreitete falsche Meinung zu korrigieren. Es herrscht vielfach die Ansicht, die Bewohner der Kolonie gingen in einem indezenten Kostüm einher, das ist nicht wahr. Sowohl Frauen wie Männer und Kinder sind sehr dezent gekleidet und geben selbst dem Prüdesten zu keinem Aergernis Anlaß. Ich traf auch einen Ausläuder an, der hiar etwas anderes wie Belehrung gesucht hatte, und als er sich enttäuscht sah, ertrank er seinen Aerger in der ersten besten Grotte in einer Fasche Chianti. So etwas mag hier wohl täglich vorkommen.

Die Bewohner von Monte Verita leben lediglich von Pflanzenkost, sie wollen möglichst natürlich und einfach leben. Sie verschmähen jede überflüssiges Kleidungsstück, damit der Körper immer die nöthige Luftzufuhr hat, die außerdem noch durch öftere Luft- und Sonnenbäder erheblich unterstützt wird. Zu diesem Zwecke sind große, getrennte. abgeschlagene Komplexe vorhanden, in denen ein niedriges Gestrüpp wuchert. Läßt die Witterung es eben zu, so schläft der Askonese auch im Dreien, nur in einer Decke eingüllt. Diese genügt ihm auch bei rauher Witterung, wenn er in seiner sehr einfachen Holzkabine auf der Matratze die Nächte zubringt.

Auskunft über die sonstige Lebens weise der Askonesen bekam ich in der Küche des Sanatoriums, in der eine junge deutsche Frau hauste. Man verschmäht hier alles Animalische, also auch Eier und Milch, ferner alle aufregenden Getränke, wie Alkohol, Thee und Kaffee, statt dessen trinkt man Malz und Kakao. Man lebt hier einzig und allein von Pflanzenkost, die zudem noch ohne Salz gekocht wird. Auf meine Bemerkung, daß der Mensch doch Natron zum Leben brauche, erwiderte die junge Frau, daß die einzelnen Pflanzen genügend Natron enthielten, wenn sie entsprechend zubereitet würden. Sie zeigte mit einen Kochtopf, der luftdicht verschließbar war. Auf diese Weise kocht man auf Monte Verita. Daß man die sonst so viel gepriesene Milch hier verschmähte, wollte mir nicht recht einleuchten, und als ich daraufhin eine Bemerkung, betreffend Säuglingsernährung, fallen ließ. da – blieb mir die junge Frau die Ankwort schuldig. Ob hier die Askonesen wohl inkonsequent werden? Nachdem wir dann noch einige Schlashäuschen, die sich in ihrer großen Einfachheit alle ähnlich find, besichtigt, schieden wir von Monte Verita und stiegen langsam nach Askona hinunter. Es war mittlerweile Abend geworden, und wir mußten den Weg nach Locarno zu Fuß zurücklegen. Unterwegs trafen wir noch eine junge Deutsche, die ihre Schwester im Sanatorium besucht hatte. Sie hatte geweint und war noch traurig gestimmt; ob sie wohl um eine verlorene Schwester geweint, ich weiß es nicht.

Erschienen in: Hermanner Volksblatt, 56. Jahrg., 26. Januar 1912, Nr. 16. Online: Hermanner Volksblatt.