Sonnenfest

Das dreiteilige Sonnenfest am 18./19. August 1917 war Teil des Congrès Coopératif Anational, der vom 15. bis 25. August 1917 auf dem Monte Verità bei Ascona stattfand.

Samstag, 18. August 1917

Abends 6.30 Uhr

[Die sinkende Sonne](/die-sinkende-sonne), Weihespiel nach Otto Borngräbers Sang an die sinkende Sonne.

Abends 11 Uhr

[Die Dämonen der Nacht](/die-daemonen-der-nacht), pantomimisches Tanzspiel und Fackelreigen.

Sonntag, 19. August 1917

Morgens 6 Uhr

Die siegende Sonne, Tanzhymnus.

Die sinkende Sonne

Wie über das ganze Festspiel ist über den ersten Teil Die sinkende Sonne, das als Weihespiel nach [[Otto Borngräber|Otto Borngräbers]] Sang an die sinkende Sonne, bezeichnet wird, wenig bekannt.

Unklar ist, was es mit Borngräbers Sang an die sinkende Sonne auf sich hat, da der verwendete Text nicht bekannt ist. Unklar ist insbesondere sein Umfang beziehungsweise Verhältnis zu Bewegung und Tanz sowie die Bedeutung des Hinweises „nach Otto Borngräbers Sang an die sinkende Sonne„. Möglicherweise handelt es sich um ein Fragment, des 1916 überrraschend verstorbenen Dichters. Oder eine Zusammenstellung von Texten als eine Hommage, worauf auch die Bezeichnung als Weihespiel hindeuten könnte.

Micht einmal die Bezeichnungen sind klar. Während das Programm die dreiteilige Freihlichtaufführung als Sonnenfest ankündigt, bezeichnet Rudolf Laban sie in seinen Erinnerungen Ein Leben für den Tanz, die 1935 erschienen sind, als Naturreigen Sang an die Sonne, den ersten Teil als der Tanz der sinkenden Sonne.

Rudolf von Laban über Die sinkende Sonne

In Ein Leben für den Tanz gibt Rudolf von Laban folgende Beschreibung des ersten Teils:

Auf einer Bergwiese, die gegen Süden, Osten und Norden von großen Baumgruppen umsäumt war und gegen Westen an einen jähen Abhang grenzte, hatten wir aus Feldsteinen eine Feuerstelle errichtet. Die Zuschauer saßen auf drei Seiten an einer Baumgruppe. Auf der vierten Seite sah man tief unterm Abhang einen opalfarbenen See zwischen riesigen Bergen, die sich gegen Südwesten zu in blaue Hügelketten verloren. Auf diesem Schauplatz fand die einleitende Szene des Festspiels „Der Tanz der sinkenden Sonne“ statt. Nach einem feierlichen Reigen rings um die Feuerstelle kam ein Sprecher, von seinem Zug begleitet, den Abhang herauf. Der Augenblick, in dem sein Kopf über dem Rand der Wiese aufstieg, war so gewählt, daß hinter ihm der untere Rand der untergehenden Sonnenscheibe gerade den Horizont berührte. Dort sprach er die ersten Sätze seines Spruches an die sinkende Sonne. Weiter heraufgekommen und zu der Feuerstelle heranschreitend, wurde er von einem Begrüßungsreigen umringt. Dann sprach er den zweiten Spruch an die Sonne, die inzwischen schon halb versunken war. Bei dem Abschiedsreigen, zur Sonne hin, traten Frauen und Kinder aus den Reihen der Zuschauer an die Feuerstelle heran und fachten die Flamme an. Der steil aufsteigende dünne Rauch wurde durch immer wieder heranstürmende Gruppen in leichte Schwingungen gebracht. Den. Spruch an die Dämmerung begleitete ein feierlicher Schlußreigen der sich endlich zu einem Zug gestaltete, in dem die Zuschauer vom Spielplatz weggeführt wurden.1

Jakob Flach über Die sinkende Sonne

Jakob Flach, der selbst daran teilgenommen hat, bezeichnet rückblickend in seinem Buch Ascona, das erstmals 1960 erschienen ist, Borngräbers Text, von dem er eine Strophe oder einen Teil einer Strophe mitgibt, als Hymnus:

Während die Sonne königlich hinter dem Ghiridone unterging, erklang auf der Wiese vor der Freitreppe der Hymnus an die Sonne von Borngräber:

‚Seht, sie sinken tief in dem Meere… ‚

Ein steinerner Altar war errichtet und ragte in den westlichen Himmel, der sich dehnte in Klarheit und Sehnsucht über den dunkler werdenden See; die Gestalten schritten und tanzten und frohlockten mit den feierlichen Worten des Dichters zum Lobpreis der lebenspendenden Sonne vor dem lichten, natürlichen Hintergrund, wie ihn kein Theater bieten kann – im Kreise saß Hans Arp und nickte Beifall.

Allerdings ist bei seiner Schilderung Vorscheint angebracht, denn er scheint sich nicht genau an die Veranstaltung erinnern zu können. Helmut Möller/Ellic Howe kommentieren: „Kein Wort vom O.T.O. […], kein Wort von Reuß, den sich der betagte Jakob Flach erst wieder ins Gedächtnis rufen mußte.“ („Merlin Peregrinus. Vom Untegrund des Abendlandes“, Würzburg 1986, S. 220.)

Weltfriedensdrama

Als Weihespiel hatte Borngräber schon sein Weltfriedensdrama bezeichnet. Der fünfte und letzte Aufzug des Bühnenstücks, das im Todesjahr 1916 erschienen ist, spielt in einer Szenerie (auch ihrer Jahreszeit), die mit der des Sonnenfests vergleichbar ist:

Eine Felsplatte überm Bergsee, ein erhabenes Hochgebirgsbild. Man sieht den See mit seinen umsäumenden Felsenbergen. Fast nackte Füße; dann bis zur mitteleren Höhe dunkelgrüne Tannen und herbstlichen Laubwald; darüber, indem das Urgestein immer stärker hervortritt, einzelne Almen, zum Teil bereift, silbergrün; darüber ganz nackte Felsmassen, schon leicht mit Schnee besprenkelt; alles überragend in der Ferne des Hintergrundes Häupter im ewigen Schnee. – Auf einem Felsenfuße sei die Burg am Bergsee gedacht, jedoch verschwindend gegenüber der gewaltigen Umgebung. – Die Platte zeigt natürliche Sitze und zieht sich rechts in Stufen zu einer hohen Felsspitze empor. In der Tiefe der See. – Er liegt ruhig, beginnt aber oft, bei plötzlichen Windstößen stürmisch aufzuwallen – gleichsam ein Mitleben der großen Natur mit dem gigantischen Wollen. – Ein schöner Spätherbstnachmittag, reiner Himmel, späte Sonne, zuletzt Alpenglühen. Die Größe der Einsamkeit, die Schwermut der Schönheit schwebt über der Landschaft.

Was Borngräber 1916 als Weihespiel bezeichnete war allerdings schon 1905 als „Germanisches Trauerspiel“ unter dem Titel König Friedewahn erschienen und aufgeführt.

Dämonen der Nacht

In seinen Erinnerungen Ein Leben für den Tanz schreibt Rudolf von Laban zum zweiten Teil:

Kurz vor Mitternacht begann der zweite Teil, das Spiel „Dämonen der Nacht“. Eine Tänzerschar mit Trommeln, Tamtam und Flöten sammelte die Zuschauer, Fackeln und Laternen erhellten den Weg zu einem Berggipfel, oben schauten bizarre Felsen auf eine kreisrunde Wiese. Hier waren fünf hellodernde Feuer angezündet, um die herum und durch die hindurch eine Gruppe von Kobolden Springtänze ausführte.

Dann erschien eine Schar maskierter Tänzer. Die Masken waren große, den ganzen Körper verhüllende Gebilde aus Zweigen und Gräsern. Die verschiedenen gedrungenen und hochragenden, eckigen und spitzen Formgebilde verbargen heran schleichende Hexen und Unholde, die in wilden Tänzen die die Maskentänzer entschleierten und ihre Verhüllungen verbrannten. Um die erlöschende Glut der Feuerbrände wogte zum Abschluß ein Tanz der Schatten. Dann wurden die Fackeln der Zugbegleiter wieder angefacht, und die Tänzer führten als Vor- und Nachhut den langen Zug zum Ausgangsort zurück. (Ein Leben für den Tanz, Dresden 1935, S. 196-197.)

  1. Ein Leben für den Tanz, Dresden 1935, S. 195-196. []